Briten vor stärkstem Konjunktureinbruch seit 2009

3. August 2016, 13:31
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Die Stimmung der Einkaufsmanager ist schlecht. Das Londoner Forschungsinstitut Markit rechnet mit einem Rückgang, der die Notenbank aufschrecken dürfte

London/Berlin – Großbritannien steuert nach dem Brexit-Schock auf den stärksten Konjunktureinbruch seit der Weltwirtschaftskrise von 2009 zu. Das Londoner Forschungsinstitut Markit schließt aus seinen am Mittwoch veröffentlichten Umfragedaten unter Einkaufsmanagern, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,4 Prozent schrumpfen wird. Einen solchen Rückgang hat es in dem zuletzt boomenden Land seit mehr als sieben Jahren nicht mehr gegeben. Die Daten dürften bei der britischen Notenbank für Alarmstimmung sorgen. Nach Ansicht vieler Experten wird sich die Bank of England (BoE) am Donnerstag mit einer Zinssenkung gegen den Abwärtstrend stemmen.

Deutsche Wirtschaft rechnet mit Auswirkungen

Auch die deutsche Wirtschaft wird die Entscheidung für den EU-Austritt Großbritanniens wohl zu spüren bekommen: Sie dürfte in diesem Jahr um 0,1 Prozentpunkte und 2017 um 0,3 Prozentpunkte weniger wachsen als bisher erwartet, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorhersagt: "Wegen ihrer starken Exportorientierung und ihrer Ausrichtung auf Investitionsgüter wird die hiesige Wirtschaft doppelt von den Auswirkungen des Brexit-Votums getroffen", prophezeit DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Mit einem Exportvolumen von knapp 90 Milliarden Euro setzten deutsche Firmen im vergangenen Jahr so viele Waren im Vereinigten Königreich ab wie nie zuvor. Nur in die USA und nach Frankreich wurde mehr verkauft. Das Londoner Forschungsinstitut NIESR, auf dessen Ergebnissen die DIW-Prognose beruht, taxiert das Risiko einer Rezession in Großbritannien bis Ende 2017 auf 50 Prozent.

In Österreich ist man hinsichtlich der erwarteten Aussichten relativ gelassen: IHS und Wifo sehen keinen Grund, ihre Wirtschaftsprognosen zu überarbeiten. Die direkten Effekte eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU auf die österreichische Wirtschaft werden "relativ gering" sein, sagte IHS-Konjunkturexperte Helmut Hofer Ende Juni. Auch Wifo-Chef Karl Aiginger sah da nur kleine Auswirkungen auf Österreich. IV-Chefökonom Christian Helmenstein schränkte ein: Sollte die britische Wirtschaft in die Rezession rutschen, würde man dies bei den Ausfuhren aus Österreich schon spüren.

Unsichere Zeiten

Auch die britische Bank HSBC stellt sich nach dem EU-Austrittsvotum auf unsichere Zeiten ein. Die eigenen Aktivitäten würden sehr genau unter die Lupe genommen, kündigte der Chef des größten Geldhauses Europas, Stuart Gulliver, an. Wie schlecht es um den Dienstleistungssektor auf der Insel bestellt ist, zu dem auch die Banken gehören, zeigt das aktuelle Markit-Barometer für Juli: Es dümpelt auf dem Vormonatsniveau und signalisiert damit weiterhin das stärkste Schrumpfen des Bereichs seit März 2009.

Auch aus anderen Sparten häuften sich zuletzt Hiobsbotschaften, die die Furcht vor einer Rezession nähren: Der Bausektor schrumpfte so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr, und auch die Industrie ging rasant auf Talfahrt. Die Notenbank dürfte dieser Entwicklung nach Einschätzung von Markit-Chefökonom Chris Williamson nicht länger tatenlos zusehen: "Eine Zinssenkung ist eine ausgemachte Sache." (Reuters, red, 3.8.2016)

  • Forscher taxieren das Risiko einer Rezession in Großbritannien bis Ende 2017 auf 50 Prozent.
    foto: apa/afp/niklas halle'n

    Forscher taxieren das Risiko einer Rezession in Großbritannien bis Ende 2017 auf 50 Prozent.

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