Pferde haben keine Flugangst

2. August 2016, 18:19
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Neun spezielle Charter bringen 200 Sportpferde nach Rio zu den Olympischen Spielen. Diese genießen eine besondere Betreuung an Bord. Österreichs Dressurreiterin Victoria Max-Theurer findet die Reise "schon sehr aufwändig"

In der VIH-Lounge gibt es maximal Wasser zu trinken. VIH, very important horses. Dieser Tage checken in London und Lüttich insgesamt 200 Pferde aus 43 Nationen nach Rio de Janeiro ein. Dem Boarding geht ein letzter medizinischer Check voraus, dann bringt ein Aufzug die Tiere in den Frachtraum der speziell ausgestatteten Boeings 777-F. Die ersten von insgesamt neun Sonderflügen haben ihr Ziel bereits erreicht.

Della Cavalleria ist fast 13 Stunden lang neben Doctor gestanden, ehe sie am Dienstag in Rio landete. Doctor ist der Wallach der US-Vielseitigkeitsreiterin Shelly Francis, und Della gehört Victoria Max-Theurer, der österreichischen Dressurreiterin. Die Stute ist zum ersten Mal überhaupt geflogen, Max-Theurer konnte nicht mit in die Maschine, sie musste Della schweren Herzens aus der Hand geben.

Auf den Pferdetransport in der Luft hat seit gut 20 Jahren die deutsche Firma Peden Bloodstock praktisch ein Monopol, sie stellt für jeden Flug 15 eigens ausgebildete "flying groomes" ab, sozusagen flugbegleitende Pferdepfleger und -pflegerinnen. Auch bis zu sechs Tierärzte sind mit an Bord, sie gehören meist zu jenen Nationen, die Teams und mehrere Pferde auf die Reise schicken. Österreich hat kein Team, Österreich hat eine Solistin. Zum vierten Mal schon wird Victoria Max-Theurer bei Olympischen Spielen einreiten, damit überflügelt sie ihre Mutter Elisabeth, die Dressur-Olympiasiegerin 1980.

Brasilianische Kost

"Mit einem Pferd zu reisen ist schon sehr aufwändig", sagt Max-Theurer jun., die vor sieben Wochen schon einmal eingepackt hat, um alles zu katalogisieren. "Die Brasilianer sind ziemlich pingelig, wir haben jeden Hufkratzer, jeden kleinsten Schwamm angeben müssen." Eigenes Futter oder auch nur Futterzusätze dürfen in Rio praktisch nicht eingeführt werden, die Olympiapferde in den Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit müssen im Großen und Ganzen mit brasilianischer Kost zurechtkommen.

Rösser, die zu Koliken neigen und deshalb auf spezielles Futter angewiesen sind, schaffen die Umstellung nicht. Also hat Max-Theurer im letzten Moment umgesattelt, nachdem ihre Einserstute Blind Date bei einer Probeverköstigung aufs Olympiafutter sensibel reagiert hatte. Mit der unerfahrenen Della sind ihre Chancen auf einen Spitzenplatz zwar gering, "aber ich bin froh, dass ich überhaupt dabei sein kann", sagt sie. "Das ist schon eine große Ehre."

Teil der Herausforderung

Natürlich schielt Max-Theurer, wenn es ums Reisen geht, manchmal neidisch auf andere Sportler. "Die steigen quasi nur mit ihren Sportschuhen oder einer Badehose im Gepäck in Wien in den Flieger ein – und in Rio wieder aus. Bei uns ist schon das Reisen ein Teil der sportlichen Herausforderung." Max-Theurers und vor allem Dellas Gepäck wiegt 600 bis 700 Kilogramm, wobei da auch zwei Sattelschränke inkludiert sind, die ein erhebliches Eigengewicht mitbringen.

Pferde sind manchmal wie Menschen – zwischen Männlein und Weiblein kann es durchaus zu, sagen wir, Reibereien kommen. Im Flugzeug, wo jeweils zwei Pferde wie in einem Anhänger nebeneinanderstehen, macht es jedenfalls Sinn, Hengste und Stuten voneinander zu trennen. Wallache, die von ihrem Hengstdasein maximal noch einen blassen Schimmer haben, können als Puffer dienen.

Doch Pferde haben Menschen auch einiges voraus. Sie schlafen im Stehen und haben keine Flugangst. "Sie wissen ja nicht", sagt Duane Brewin, einer der Groomes, "dass sie 10.000 Meter in der Luft sind." Und Nathan Anthony, Tierarzt im australischen Team, ergänzt: "Fliegen ist für die allermeisten Pferde einfacher, als mit dem Anhänger zu fahren. In der Luft gibt es keine Bodenwellen und keine Schlaglöcher." (Fritz Neumann aus Rio, 2.8. 2016)

  • Das Reisen im Flieger hat für Pferde durchaus Vorteile, es gibt in der Luft nämlich keine Bodenwellen und Schlaglöcher.
    foto: hippo foto/caremans

    Das Reisen im Flieger hat für Pferde durchaus Vorteile, es gibt in der Luft nämlich keine Bodenwellen und Schlaglöcher.

  • Max-Theurer hat den Flug überstanden, Della auch.
    foto: apa/hackl

    Max-Theurer hat den Flug überstanden, Della auch.

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