Eso-Bericht: Die dunkle Seite des Regionalismus

2. August 2016, 18:30
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Sektenexperte: Am Rande einer Szene von Selbstversorgern und Ökofreaks finden sich oft rechte Weltverschwörer

Graz – Verschwörungstheorien sind hoch im Kurs und werden fast täglich mehr. Wer sich früher unter "Aussteigern" harmlose Schafzüchter vorstellte, die ihre Babys in selbstgewalkte Strampler steckten, muss sich vielleicht von linksalternativer Ökoromantik verabschieden. Oder zumindest zweimal hinsehen, wenn sich jemand als Selbstversorger oder lustiger Ökofreak mit Hipster-Bart verkauft.

Der Sekten- und Extremismusexperte Roman Schweidlenka präsentierte am Dienstag gemeinsam mit der für Jugend und Schulen zuständigen Landesrätin Ursula Lackner (SPÖ) den aktuellen Eso-Bericht des Landes Steiermark. In diesem weist Schweidlenka jedes Jahr mit Zahlen und neuen Studien auf Trends etwa in Sachen Jihadismus oder Rechtsextremismus hin – und auf deren Gefahr für die Jugend.

Neuer Regionalismus

Heuer stand dabei ein neuer Regionalismus im Mittelpunkt. Dieser dürfe keineswegs mit der positiven, kreativen Aufwertung von Regionen, mit der gerade in der Steiermark einige Gegenden in den letzten Jahren auch wirtschaftliche Erfolgsgeschichten schrieben – etwa das "Vulkanland" – verwechselt werden, so Schweidlenka. Auch ein weltoffener Regionalismus, der "Wertschätzung der Heimat mit einer abwägenden Offenheit für Fremdes" verbindet und sich im Slogan "Think global, act local" wiederfindet, sei nicht gemeint.

Hier ist die Rede von Rückzugsfantasien, die von apokalyptischen Befürchtungen und Weltverschwörungen befeuert werden. In einer schwer überschaubar gewordenen Welt würden immer mehr Menschen ihr Heil im Regionalen suchen. Schweidlenka betont, dass es "grundsätzlich positiv" sei, wenn sich junge Menschen mit Yoga und Ökolandbau befassen, doch an den Rändern solcher Bewegungen finden sich oft auch demokratiefeindliche Gruppen.

Autarkie vom Staat und Antisemitismus

Solche Gruppen propagieren etwa die "unrealistische Loslösung vom Staat, gänzliche Autarkie und neue fantastische Geldsysteme", heißt es im Bericht, in dem auch Namen solcher – oft auch antisemitischer – Gruppen aufgelistet sind: etwa OPPT (One People's Public Trust), die Freeman-Bewegung, die Souveränen Bürger oder die Terrania-Bewegung.

In Deutschland machten bereits die rechtsextremen Reichsbürger Schlagzeilen. Sie vertreten ähnliche Konzepte und ignorieren die Legitimation des Rechtsstaates. Ihren Ursprung finden viele der Strömungen, "die quasi per Magie den Staat als nicht existent erklären", so Schweidlenka, in den USA – wie auch die Souveränen Bürger, die sogar über eine bewaffnete Miliz verfügen sollen.

Weniger neu, aber weiterhin zu beobachten seien auch esoterische oder spirituelle Formen von Regionalismus, die oft mit der Pflege keltischer Riten einhergehen. Neben rechtsextremen Gruppen wie den Identitären, die der Eso-Bericht seit Jahren beobachtet, kommen auch "klassische Sekten" vor. So soll Scientology 2016 in der Steiermark versucht haben, über etablierte Menschenrechtsorganisationen Einfluss zu gewinnen. Schweidlenka empfiehlt, im Bereich von Schulen und Jugendarbeit hier genauer hinzuschauen.

Der Jihadismus bleibt ein eigenes ernstzunehmendes Kapitel im Bericht. Schweidlenka warnt aber auch vor einem undifferenzierten Bild von Muslimen, von denen es in der Steiermark auch viele liberale gebe. (Colette M. Schmidt, 3.8.2016)

  • Sonnwendfeiern – nicht nur jene, an denen sich stramme Rechte erwärmen – erfreuen sich neuer Beliebtheit bei Sinnsuchern.
    foto: apa/patrick seeger

    Sonnwendfeiern – nicht nur jene, an denen sich stramme Rechte erwärmen – erfreuen sich neuer Beliebtheit bei Sinnsuchern.

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