Wien-Leopoldstadt: Strandkorb-Gespräche über Inklusion und Rügen

Video3. August 2016, 08:00
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Um auf die Situation behinderter Menschen hinzuweisen, lädt eine ehemalige Buchhändlerin in der Wiener Taborstraße zu Gesprächen in ihren Strandkorb

Wien – Er ist blau-weiß gestreift und steht in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt. Gabriela Obermeir kaufte den Strandkorb einem Mann ab, der ihn auf dem Balkon stehen hatte, weil sie die für die deutsche Ost- und Nordseeküste typischen Sitzmöbel mag – am Meer sitzt sie ungern im Sand.

Als sie den "Blickfang" in ihr Wohnzimmer stellte, merkte sie, dass Strandkörbe auch bei anderen beliebt sind. Bei Festen hätten sich "die Leute darum gestritten", sich hineinsetzen zu können, erzählt Obermeir. So beschloss sie, ihn in die Welt hinauszutragen – und nutzt seit diesem Sommer die "Eigendynamik" des auffälligen Sitzmöbels für ihre "Strandkorbperformance", einem Sensibilisierungsprojekt für Inklusion.

derstandard.at

Die 55-jährige Frühpensionistin, die lange als Buchhändlerin selbstständig war und später unter anderem beim Verein Bizeps für selbstbestimmtes Leben arbeitete, erkrankte vor 30 Jahren an multipler Sklerose, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung, bei der das Nervensystem angegriffen wird. Seit rund zehn Jahren ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen.

Einladung zum Sitzen

Während ihrer Performance lässt sie diesen aber am Gehsteig stehen – und setzt sich stattdessen in den Strandkorb, der vorher auf dem kleinen Platz vor der Bärenapotheke in der Taborstraße postiert und mit zahlreichen weißen Zetteln versehen wurde. Auf diesen stehen Informationen der Weltgesundheitsorganisation und des Sozialministeriums über die Situation behinderter Menschen: "Die Hälfte aller Menschen mit Behinderungen weltweit kann sich eine medizinische Versorgung nicht leisten", ist dort etwa zu lesen.

Obermeir, die sich allein in den Strandkorb für zwei Personen setzt, lädt Freunde, Passanten und Interessierte ein, den freien Platz neben ihr einzunehmen. Dort informiert sie als "selbstbestimmte Expertin in eigener Sache" über Inklusion: "Wenn man schon so lange mit einer Behinderung lebt, wird man zum Experten", sagt die 55-Jährige.

Die Motivation für ihre Strandkorbperformance begründet sie damit, dass "die Bevölkerung nichts oder wenig über Behinderungen weiß". Die Menschen würden sich im Alltag manchmal "ignorant" verhalten, weil sie "einfach nicht daran denken". Deshalb wolle sie etwas dafür tun, "die Leute ein bisschen einfühlsamer zu machen."

Menschen reden zu wenig miteinander

Wenn sich jemand zu ihr setzt, fragt sie zum Beispiel: "Kennst du Krankheiten, die zu einer Behinderung führen?" Oder: "Weißt du, was Inklusion ist?" Lautet die Antwort Nein, "dann gibt’s viel zu besprechen", sagt Obermeir. Ihr schriftliches Konzept holt sie nur hervor, wenn das Gespräch ins Stocken gerät. Das komme aber nur selten vor. Meistens entwickelten sich die Gespräche ganz natürlich, und auch ihr würden dann Fragen gestellt – etwa: "Wie gehst du mit Einsamkeit um?"

Es gehe ihr aber nicht allein um Inklusion. Menschen würden generell zu wenig miteinander reden. Auch das möchte Obermeir mit ihrer "Performance" ändern. Sie freue sich auch, wenn die Leute sich über anderes austauschen wollen: "Mir taugt das."

foto: sarah brugner

Ein Mann habe etwa gesagt: "Ich setz mich dazu, weil ich Langzeitarbeitsloser bin – das ist auch eine Behinderung." Mit einer älteren Frau habe sie ein Gespräch über die Ungleichverteilung der Einkommen geführt. Diese sei mit den Worten "Was halten Sie davon, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden?" auf sie zugekommen. Auch der Strandkorb werde zum Thema: "Habt ihr den in Rügen gestohlen?", habe jemand gefragt.

Die Hemmschwelle sei dennoch groß, sagt Obermeir, die seit 14 Jahren und "unheimlich gern" in der Taborstraße wohnt. In fünf Stunden würden sich drei bis vier Personen zu ihr setzen. "Es wäre schön, wenn es zwei pro Stunde wären. Ich wünsch mir, dass zumindest hier im Grätzel ein Bewusstsein für Inklusion entsteht."

Vor der Bärenapotheke wird sie im August noch zweimal in ihren Strandkorb einladen. Dann möchte sie sich am Donaukanal und beim Karmelitermarkt postieren. (Christa Minkin, 3.8.2016)

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