In Grado oder Meran oder unter dem weißen Totenlinnen

2. August 2016, 17:07
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Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl"

Salzburg – Knapp 50 Jahre hatten sie in wilder Ehe und übereinanderliegenden Wohnungen zusammen und doch getrennt verbracht, einander allabendlich besucht und die Produktionen des Tages vorgestellt, als Ernst Jandl im Juni 2000 starb. Ergriffen vom Miterleben dieses Todes schrieb Friederike Mayröcker ihrem "Hand- und Herzgefährten" ein Requiem. Denn: "Wenn deine Seele blutet, sagt Elke Erb, wie solltest du da nicht Worte finden, sagt Elke Erb".

Andere Bezüge und Assoziationen führen die Dichterin zu Samuel Beckett, Bildern Francis Bacons, Ligustersträuchern, blutenden Zweigen, Vögelchen – einem Repertoire an Motiven, das in Mayröckers neuesten Werken noch immer literarisch trägt. Nicht in die Stille des Grabes, sondern in die Echokammer des eigenen Herzens und der nun halbierten Zweisamkeit tönt ihre Klage.

Um den Liebling zu halten, ruft sie zudem die gemeinsame Vergangenheit wach ("Grado oder Meran"), sorgt sich um Entgangenes ("Was habe ich versäumt, überhört, was hat er verborgen vor mir?"), ringt mit der Unbegreiflichkeit des Verlustes ("Ein Zerbrecher und Zerstörer ist der Tod"). Auch verblüffend praktische Überlegungen bahnen sich an: "Wie lang müssen seine Fingernägel jetzt schon sein? Oder verfärbt? Oder abgefallen?"

Alles "EGAL"

Ob ihres Ausmaßes fordert hingegen eine von der Trauernden Besitz ergreifende Gleichgültigkeit Großbuchstaben: "das EGALE Zirpen der Weltfülle". Dem Selbstmord – man könnte den Föhn ins Wasser werfen? – sagt sie zwar doch ab, etwas mehr als einen Monat nach dem letzten Öffnen und Schließen des Mundes des Lautdichters enden die Aufzeichnungen trotzdem. Erschienen sind die 44 Seiten im folgenden Frühjahr.

Ein "Szenisches Melodram" (die Frage der Angemessenheit dieses Untertitels steht ob des Themas und Tons der Totenklage übrigens im Raum) nennt Hermann Beil seine Einrichtung des schmalen Heftes für die Bühne, die am Montag im Zuge der Festspiele im Salzburger republic zu sehen respektive zu hören war.

Denn während sich die Szene mit ein paar über eine Leinwand ziehenden Fotos des gemeinsamen Literatenlebens in Schreibzimmer und freier Natur sparsam gab, dominierte die musikalische Besorgung von Komponist Lesch Schmidt den Abend. Mit Jazz unterlegten er (am Klavier) und eine vierköpfige Band die Stimme der Autorin vom Tonband und jene von Schauspielerin Dagmar Manzel, die als Rezitatorin und Sängerin auf der Bühne stand.

Auch diesmal trug der gut gemeinte Einfall aber nicht wirklich: Zwar liebte Jandl jazzige Melodien, Mayröcker aber legt seit je lieber Gabriel Fauré, Olivier Messiaen, J. S. Bach oder die Callas auf. Und so fanden die von der Dichterin besonnen gesprochenen Worte und die Musik trotz tadelloser bis virtuoser Leistung der Einzelnen keinen gemeinsamen Klang. Kamen sie einander nah, ergab das Konkurrenz. Manchmal beinah Prätention.

Genau so wurde das Ganze einmal bereits im Dezember vorvergangenen Jahres anlässlich des 90. Geburtsjubiläums Mayröckers im Akademietheater uraufgeführt. Jene Premiere ist, sozusagen, folgenlos geblieben. Warum es in Salzburg jetzt zur einmaligen Wiederholung kam? Eine befriedigende Antwort blieb man schuldig. (Michael Wurmitzer, 2.8.2016)

  • Das Dichterpaar, fotografiert ein halbes Jahr vor dem Tod Jandls.
    foto: christian fischer

    Das Dichterpaar, fotografiert ein halbes Jahr vor dem Tod Jandls.


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