Wie der Brexit auch Österreichs Forschung trifft

3. August 2016, 10:00
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Großbritannien spielt eine zentrale Rolle im Forschungsraum der EU. Der Austritt könnte tiefe Lücken in die engen Netzwerke der Forscher reißen.

Wien – Trotz der Insellage spielt Großbritannien eine zentrale Rolle im europäischen Forschungsraum. Das liegt nicht zuletzt daran, dass englische Universitäten wie Cambridge, Oxford oder das University College London weltweit führend sind und, so wie andere britische Unis, ihre Erfolge beim Einwerben von EU-Fördermitteln in den letzten zehn Jahren vervielfachen konnten. Britische Unis holten sich zuletzt mehr als eine Milliarde Euro jährlich aus EU-Fördertöpfen, das sind rund 15 Prozent der Fördermittel.

40 Prozent Britenbeteiligung

Wie eng die Forschung in Großbritannien mit der EU verschränkt ist, zeigt sich aber auch an einigen anderen Zahlen: An rund 40 Prozent der EU-Forschung sind britische Forschungseinrichtungen beteiligt. Dazu kommen mehr als 30.000 Forscher vom europäischen Kontinent, die auf der Insel arbeiten.

Wie sich der Brexit auf diese bisher enge Beziehung auswirken wird, bleibt abzuwarten und wird Gegenstand zäher Verhandlungen sein – etwa über die Mitwirkung Großbritanniens am Europäischen Forschungsrat, der bisher besonders viele Grants an in Großbritannien tätige Forscher vergab. Für die EU-Seite ist klar, dass ein Verbleib mit einer Aufrechterhaltung der Forschermobilität verbunden sein muss.

Ein Ausstieg der britischen Beteiligungen an EU-weiten Forschungsvorhaben würde entsprechend nicht nur die britischen Forscher und deren Einrichtungen treffen, sondern auch beachtliche strukturelle Auswirkungen auf die Forschung in der EU insgesamt zur Folge haben. Ohne britische Kooperationspartner droht eine Verringerung der Beziehungen in den EU-weiten Forschungsnetzwerken um rund 20 Prozent.

Darunter würden auch Forschungsnetzwerke mit österreichischer Beteiligung leiden, wie nun Forscher der WU Wien und von FAS research ermittelt haben. Laut den Berechnungen des Teams um André Martinuzzi (WU-Institut für Nachhaltigkeitsmanagement) und Harald Katzmair (FAS research) sind an rund 54 Prozent aller EU-Projekte mit Österreichbeteiligung auch Organisationen aus Großbritannien beteiligt – und das, obwohl nur zehn Prozent der internationalen Kooperationspartner Österreichs aus Großbritannien stammen.

Viele Partner in der Industrie

Besonders viele Kollaborationen zwischen österreichischen und britischen Partnern finden sich laut der Erhebung bei Informations- und Kommunikationstechnologien, in Gesundheitsforschung, Umweltforschung und Nanotechnologie. Zudem ist der Anteil industrieller Partner österreichischer Forschungseinrichtungen in Großbritannien besonders hoch (rund 65 Prozent).

Für André Martinuzzi ist offensichtlich, dass es nicht nur im Interesse der Briten sein kann, dass sie für den Forschungsbereich Assoziationsabkommen ähnlich der Schweiz, Israel und Norwegen abschließen: "Derartige Zugangsregeln wären auch im Interesse Österreichs, das intensive Forschungskooperationen mit Großbritannien pflegt und dessen JungforscherInnen sich von einem Aufenthalt in Großbritannien den Einstieg in die internationale Spitzenforschung erhoffen."

Netzwerkexperte Harald Katzmair betont in dem Zusammenhang die Bedeutung langfristiger Kooperationsbeziehungen für die Forschung: "Der Schatten der Zukunft beeinflusst, ob Wissen geteilt und kooperativ geforscht wird. Wenn der Brexit zu lange andauernden Unsicherheiten bezüglich der Rahmenbedingungen führt, werden die Netzwerke ausdünnen und kaum neue Kooperationen eingegangen." (tasch)

  • Alle wissenschaftlichen Brexit-Warnrufe (hier an der Uni Cambridge) waren vergebens. Folgen des EU-Austritts werden auch für Forscher aus Österreich zu spüren sein.
    foto: reuters/darren staples

    Alle wissenschaftlichen Brexit-Warnrufe (hier an der Uni Cambridge) waren vergebens. Folgen des EU-Austritts werden auch für Forscher aus Österreich zu spüren sein.

  • Karte, die Netzwerkverbindungen zwischen österreichischen Hochschulen und britischen Forschungseinrichtungen sichtbar macht.
    illustration: wu wien und fas research

    Karte, die Netzwerkverbindungen zwischen österreichischen Hochschulen und britischen Forschungseinrichtungen sichtbar macht.

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