"Der Sturm": Ein Revanchespiel um Macht und Würde

3. August 2016, 16:44
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Deborah Warner ordnet Shakespeares "Sturm" auf der Pernerinsel Hallein in einer riesigen Spielbox mit Kiesbeet und Schlammloch an. Darinnen wird nicht nur sprachlich grob gewerkt

Hallein – Er gehört zu den eigenwilligsten Exilgestalten der Dramenliteratur: Prospero, einst Herzog von Mailand, ist nach der Vertreibung durch seinen Bruder Antonio auf einer einsamen Insel zum Zauberer geworden. Mithilfe des ihm willfährigen Luftgeistes Ariel herrscht er dort über Witterung, Naturgeister und den Schlaf seiner (sehr wenigen) Mitmenschen: Tochter Miranda und der missgestaltete Sklave Caliban.

Zwölf Jahre sind vergangen, ehe die Flotte seines verräterischen Bruders an dem Eiland vorbeisegelt und es Zeit für Rache ist. Prospero entfacht einen Sturm, der jenes Schiff hart trifft, auf dem sämtliche politische Intriganten von einst versammelt sind und die hernach auf seiner Insel stranden.

foto: apa / barbara gindl
Sind rund um die Uhr unterschiedlicher Ansicht: Zauberer Prospero (Peter Simonischek, li.) und sein Sklave Caliban (Jens Harzer) in Shakespeares "Sturm" auf der Pernerinsel in Hallein.

Dass dieses von Vergebung und Läuterung handelnde Stück einer märchenhaften Mechanik folgt, betont auch Deborah Warner in ihrer Inszenierung für die Salzburger Festspiele. Die britische Regisseurin – in Österreich auch für ihre Opernarbeiten bekannt, u. a. Dido and Aeneas bei den Wiener Festwochen – ordnet drei hohe schwarze Wände (die vierte Wand bildet das Publikum) zu einer Schachtel an (Bühne, Kostüme: Christof Hetzer), in der die handelnden Personen wie kleine Spielfiguren wirken. Auf sie blickt Prospero (Peter Simonischek) von der oberen Kante von Zeit zu Zeit mit Genugtuung hinab. Folgt dort unten doch alles seinem Plan!

Wirksamkeit und Veranschaulichung der Zauberkraft im Stück sind zentral, doch selten wissen Regisseure damit etwas anzufangen. Die Scheu vor Kitsch ist groß. Und auch Deborah Warner hält den Ball flach. Ariel trägt schlicht ein T-Shirt mit der Aufschrift "Invisible" (unsichtbar). Dessen Darsteller, der britische Schauspieler Dickie Beau, ist Experte für Playback-Performance und spricht wahlweise Englisch oder synchronisiertes Deutsch – beides schwer verständlich, was Unkonzentriertheit in die Dialoge bringt.

Die Magie von Prosperos Leviten-Lesung bekräftigt Warner allerdings mit Rauchzeichen: Der Zauberstab, ein knorriger Stock, qualmt, kaum zieht ihn der Meister aus dem letzten Haufen Unrat, der ihm vor seiner Klause geblieben ist.

Kiesbeet, Steinweg, Schlammloch, Erde und Holzbretter sind die auf der weiträumigen Bühne wie zum Hindernislauf arrangierten Zitate einer archaischen Natur, mit der einige Schauspielerkörper auch auf Tuchfühlung gehen: Miranda (Sara Tamburini) und der gestrandete Schönling Ferdinand (Maximilian Pulst) lassen sich frisch verliebt bäuchlings in den Dreck fallen. Damit badet der junge Mann auch die Schuld seines Vaters aus, König Alonsos von Neapel (Branko Samarovski), der zum Komplott von einst gehörte und nun mit seinem Hofstaat in Rettungswesten und eingeschüchtert auf der Insel umherirrt.

Stürmisches Meer auf Video

Die große Action aber erzeugen Videobilder. Auf allen drei Seiten des Raumes zeigen sie das stürmische Meer, oder sie lassen die Schattenbilder von Geistern die Wand entlangtänzeln. Und wie von der Dimension dieser Wirkung angestachelt, ringen auch die Schauspieler um Präsenz, aber leider mit den falschen Mitteln: Es wird zur Lautstärkesteigerung recht gepresst gesprochen und zwecks Sichtbarwerdung gleichförmig, unmotiviert gestikuliert.

Mit einer ganz eigenen kreatürlichen Interpretation des Caliban wirkt Jens Harzer dieser Beliebigkeit entgegen. Sein Monster ist ein Wesen zwischen Mensch und Tier, Täter und Opfer, das den Fluch seiner Existenz jede Sekunde mitfühlen macht – mit blutigen Nasenlöchern und wundgekratztem Geschlecht.

Simonischeks Prospero ist vermutlich einer der mildtätigsten der Aufführungsgeschichte. Ein gemütlich verwilderter Expolitiker und Single-Vater, ein Aussteigertyp im Schlabberlook, der, kaum setzt er den Strohhut und sein Lächeln auf, einem toskanischen Weinbauern aufs Haar gleicht. Mit seiner Gutmütigkeit schießt er über die Altersmilde, die Shakespeares letztem Drama stets attestiert wird, bisweilen auch hinaus.

Dem Publikum gefiel das, es hob bei der Premiere zu stürmischem Beifall an, für Jens Harzer benutzte es auch die Beine. (Margarete Affenzeller, 3.8.2016)

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