Der Kompass für eine erfolgreiche Integration

Kommentar der anderen2. August 2016, 17:01
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Eine "Balanced Integrationscard" nach dem Vorbild unternehmerischer Praxis könnte das Modell sein, um die Herausforderungen der Flüchtlingskrise besser zu meistern. Denn nur Klarheit und Übersicht ermöglichen Steuerung – und diese hilft zugleich über Ängste hinweg

Anfang der 1990er-Jahre untersuchten die Harvard-Wirtschaftswissenschafter Robert Kaplan und David Norton, wie große US-Unternehmen ihre Leistung messen. Die damalige Wahlmethode war, dafür ausschließlich Finanzkennzahlen zu verwenden.

Kaplan und Norton wollten in Zeiten zunehmenden Wettbewerbs diese Leistungsmessung um nichtmonetäre Kennzahlen erweitern. Das Ergebnis war die Balanced Scorecard. Salopp ausgedrückt ein neuartiger Kompass zur Umsetzung der Unternehmensstrategie, der nicht bloß Geldflüsse misst und nicht ausschließlich die Vergangenheit abbildet.

Die Balanced Scorecard ermöglicht der Unternehmensleitung und Mitarbeitern einen ständigen Überblick über den Kurs des Unternehmens. Berater vergleichen sie deshalb gern mit dem Cockpit eines Flugzeugs: Auch dort werden ständig alle notwendigen Informationen über den Zustand des Flugzeugs und den Kurs angezeigt, die von Bedeutung sind, um das Ziel zu erreichen.

Wenn diese Methode bei Unternehmensstrategien funktioniert – warum dann nicht auch bei einer Integrationsstrategie? Eine "Balanced Integrationcard" sozusagen, für alle, deren Managementaufgabe das Schicksal von Geflüchteten ist. Managen heißt schließlich: Resultate erzielen. Neuerdings auch: Wirkungen erzielen, auch in der staatlichen Verwaltung.

Controlling wichtig

Wirkungsmessung setzt Zielsetzungen voraus. Man braucht Soll-Werte. Um beim Flugzeug-Vergleich zu bleiben: Strategien – auch Integrationsstrategien – sind Reisebeschreibungen. Wie komme ich vom Ist-Zustand zum gewünschten Soll-Zustand, also ans Ziel? Damit das nicht im Blindflug geschieht, muss es dazwischen ein regelmäßiges Controlling geben, das permanent den Kurs misst, also vergleicht: Nähern sich Ist- und Soll-Werte an?

Dafür schlagen Kaplan und Norton die Festlegung von Key Performance Indicators in vier Bereichen (Kunden, Mitarbeiter, Prozesse und Finanzen) vor. Übertragen auf die Balanced Integrationcard, könnten das folgende Bereiche und Schlüsselindikatoren sein:

  • Verfahren (Anzahl der Asylanträge in einem festgelegten Zeitraum; ins Verfahren aufgenommene Asylwerber; abgeschlossene Verfahren; Anzahl der positiven und negativen Bescheide; Zurückführungen; beschäftigte Beamte in den Verfahren; Verfahrensdauer in Monaten bis zum endgültigen Bescheid);
  • Unterbringung (Zugang zur und Abgang aus der Grundversorgung; fehlende / nicht belegte Quartiere; in Notquartieren untergebrachte Asylwerber);
  • Integration (Arbeitsmarktbeteiligung, Wohnen, Bildung und Sprache, u. a.: Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte in Sprachkursen; welches Niveau wurde bereits erreicht? Wer wurde bereits einem AMS-Kompetenzcheck unterzogen? Wer ist in Aufschulung, wer bereits vermittelt?);
  • Finanzierung (Soll-Ist-Vergleich der Kosten für Verfahren, Grundversorgung, Sprachkurse, AMS, Integration, einschließlich Mindestsicherung).

Dieses "Cockpit" sollte monatlich, zumindest aber quartalsweise veröffentlicht werden. Was soll das nützen?

Kultur der Hoffnung

Es soll uns von einer "Kultur der Angst" zu einer "Kultur der Hoffnung" bringen. Denn erst, was ich messen kann, kann ich auch managen. Die Veröffentlichung solcher Kennzahlen im Sinne einer Balanced Integrationcard schafft Klarheit über das Ausmaß der Herausforderung – und über die Fortschritte bei ihrer Bewältigung.

Realpolitisch lautet die Frage, ob diese Klarheit überhaupt erwünscht ist. Denn Integration dauert. Aber gerade deswegen würde eine Balanced Integrationcard helfen, die Herausforderungen in Richtung der gewünschten strategischen Ziele zu steuern.

Diese sind ja in der Tat groß. Andererseits macht gerade Unwissenheit (oder gezielt herbeigeführte Uninformiertheit) Angst. "Unwissenheit ist die Mutter des Misstrauens, der Feindseligkeit und Abscheu", meint der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, und: "Unwissenheit ist auch die Mutter der Angst." Die gesellschaftspolitischen Erschütterungen, die sie verursacht, spüren wir gerade.

Ist die Angst einmal beseitigt, kann man sich vom Ausmaß der Herausforderung immer noch fürchten. Aber zumindest hätte man es fassbar gemacht – und noch dazu ein Steuerungsinstrument in der Hand, um ihm gezielt und wirksam zu begegnen. (Werner Kerschbaum, 2.8.2016)

Werner Kerschbaum ist studierter Handelswissenschafter und seit 2012 Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

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