Die Angst vor der digitalen Verdummung

4. August 2016, 06:00
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Kaum eine Technologie ist per se gut oder schlecht, auf die Nutzung kommt es an. Insbesondere gilt das für digitale Medien.

Wien – Die zunehmende Digitalisierung von Berufs- und Privatleben ist ein Forschungsgegenstand, der Wissenschafter polarisiert. Auf der einen Seite wird die digitale Revolution mit Begeisterung aufgenommen – sie steigere unsere Produktivität und hebe so unseren Lebensstandard. Auf der anderen Seite werden digitalen Technologien schädliche Einflüsse zugeschrieben – angefangen von der Vernichtung von Arbeitsplätzen bis hin zu Produktivitätseinbußen durch ständige Ablenkung. Zudem ließen sie unsere kognitiven Fähigkeiten verkommen.

Letzteres behauptet Peter Walla, Professor für Kognitive Neurobiologie und Leiter des Instituts für Psychologie an der Webster-Privatuniversität Wien, in seiner neuen Publikation, die übersetzt den Titel Carpe Diem, anstatt den sozialen Verstand zu verlieren trägt. Im Fokus des Meinungsreports steht, die Causa Digitalisierung von einem neurobiologischen Blickwinkel aus zu beleuchten. Dazu motiviert haben Walla Beobachtungen aus seinem Umfeld, die er "erschütternd" findet: "Junge Menschen sehen sich nicht mehr in die Augen, wenn sie sich abends treffen. Sie kommunizieren nicht mehr normal, sondern nur noch über ihre Smartphones."

Die Fähigkeit, während eines Gesprächs unterschiedliche sensorische Informationen wie Sprachmelodie, Gestik, Körperhaltung oder den Gesichtsausdruck des Gesprächspartners zu verarbeiten, nützen wir bei der Kommunikation über digitale Medien nicht mehr, sagt Walla.

In der digitalen Kommunikation werde nur ein semantischer Inhalt transportiert, und darin sieht Walla ein großes Problem: "Wenn man an Evolution glaubt, glaubt man auch an das Prinzip 'Use it or lose it'! Das, was mit Muskeln passiert, geschieht auch mit Nervenzellen im Gehirn – Funktionen, die nicht mehr benutzt werden, gehen verloren."

Kontrolle ist gefragt

Als konkrete Bereiche des Gehirns, die sich zurückentwickeln könnten, nennt Walla Gesichtsverarbeitungsareale und Bereiche, die zur Erkennung von Emotionen dienen. Ein häufiger Gebrauch digitaler Medien könnte uns schließlich dermaßen beeinflussen, dass wir verlernen, eigene und fremde Emotionen zu verstehen oder sogar zu detektieren, so Walla. "Vor allem die Generation, die jetzt schon mit dieser Technologie aufwächst, muss von ihren Eltern gut beobachtet werden. Ich glaube, dass es sogar einer Kontrolle bedarf", sagt Walla und befürchtet, bereits die übernächste Generation könnte sonst nicht mehr wissen, wie man "normal" kommuniziert.

Markus Appel, Professor für Medienpsychologie an der Universität Koblenz-Landau in Rheinland-Pfalz, kann Wallas Thesen nicht viel abgewinnen: "Das sind steile Behauptungen, es gibt hier keine wissenschaftliche Begründung. Wenn man das als neurowissenschaftlich darstellen möchte, fordere ich passende Studien." Er sieht in den Theorien lose Assoziationen ohne logische Fundierung. "Das heißt nicht, dass alle Aussagen an sich falsch sind, nur eben nicht belegt."

Ebenfalls keinen Grund zur Beunruhigung angesichts der zunehmenden Digitalisierung sieht Tecumseh Fitch, Professor für Kognitionsbiologie an der Universität Wien: "Das Gehirn ist plastisch und flexibel, darin besteht kein Zweifel. Es wäre denkbar, dass wir uns in Millionen Jahren schwertun würden, Emotionen zu erkennen, wenn wir bis dahin den ganzen Tag nichts anderes tun, als über Bildschirme zu kommunizieren." Allerdings seien emotionsbezogene Hirnregionen grundsätzlich sehr robust, wodurch diese Entwicklung äußerst unwahrscheinlich scheint. Der Kognitionsbiologe vergleicht die Kommunikation via Smartphone mit Lesen an sich, und das habe unser Gehirn über die lange Zeit nicht stark verändert.

Zu reflektieren, wie man mit digitalen Medien umgeht, ist heute wichtiger denn je. Obwohl Walla die Technologie nicht abschaffen möchte, befürchtet er, dass der ständige Gebrauch von Smartphones und Internet die Produktivität der Menschen senkt. "Es gibt hier zwar noch keine Daten, aber ich beschreibe den Zusammenhang von Gebrauch digitaler Medien und Produktivität als umgedrehte U-Kurve", sagt Walla.

Ständige Ablenkung

Obwohl es bei Nutzung digitaler Medien zu Beginn einen Anstieg der Produktivität gibt, kommt bei zu frequentierter Verwendung bald ein starker Abfall. Das ständige Online-Sein mache uns unproduktiv, ist sich Walla sicher; man werde aus seinem Arbeitsfluss herausgerissen, wenn man immer erreichbar ist.

René Riedl, Professor für Digital Business und Innovation an der Fachhochschule Oberösterreich und assoziierter Universitätsprofessor am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Johannes-Kepler-Universität Linz, sieht das ähnlich. Er beobachtet, dass wirtschaftlich ausgerichtete Unternehmen vermehrt dazu neigen, die Digitalisierung stets zu forcieren. Dabei werde aber vergessen, dass digitale Medien auch sogenannten Technostress verursachen können, und das beeinflusse die vermeintlich günstigen Auswirkungen negativ: "Wer viel am Computer arbeitet, ist an Automatisierung gewöhnt. Das verringert die Produktivität." Denn mit der Nutzung digitaler Medien steige auch die Erwartung, dass alles schnell gehen muss.

Einen anderen Standpunkt vertritt Appel: "Ob die Produktivität der Menschen unter der Digitalisierung leidet, ist schnell beantwortet: natürlich nicht!" Der Medienpsychologe gibt zu bedenken, wie leicht es heute ist, an viele Informationen zu gelangen, und dass der Nutzen hier klar überwiegt. Daran zu denken, vor einer wichtigen Arbeit den E-Mail-Client abzustellen, um ungestört zu sein, kann zwar herausfordernd sein, findet Appel, er bleibt aber optimistisch: "Ich traue es jedem zu, digitale Medien für die Situation passend anzuwenden."

Einig sind sich die Experten, dass zum Thema Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die Menschen mehr Forschung wünschenswert ist. Denn sie ist unerlässlich, um Bereiche zu erkennen, in denen mehr Aufklärungsarbeit und Diskussionen darüber notwendig sind, wohin sich digitale Medien – und wir mit ihnen – entwickeln könnten. (Geraldine Zenz, 4.8.2016)

  • Wenn Jugendliche nur ihrem Smartphone Aufmerksamkeit schenken, könnten soziale Fähigkeiten verlorengehen. Im Bild: Jugendliche schießen Selfies in der Provinz Henan (China).
    foto: www.picturedesk.com / ap / zhang weitao

    Wenn Jugendliche nur ihrem Smartphone Aufmerksamkeit schenken, könnten soziale Fähigkeiten verlorengehen. Im Bild: Jugendliche schießen Selfies in der Provinz Henan (China).

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