Neuanfang mit Blick zurück

8. August 2016, 07:30
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Die Architektin Lynn Karkouki floh aus Syrien und arbeitet in Wien als Archäologin

Schon mit fünf Jahren hatte sie ihr kleines Notizbuch immer dabei, erzählt Lynn Karkouki. Sie trug es bei sich, um stets etwas hineinzeichnen zu können. Heute ist Karkouki 25 Jahre alt, hat in ihrer Geburtsstadt Damaskus Architektur studiert und 2013 über die Vergessenen Städte geforscht – so nennt man jene Ruinen im Norden Syriens, die im 4. Jahrhundert in architektonischer und kultureller Pracht erblühten; es waren Dörfer mit prachtvollen Villen und Kirchen, gelegen inmitten von Olivenhainen und Weinbergen nahe der Stadt Aleppo, eine Stadt, die längst zur Chiffre wurde für Krieg und Gewalt, für Verwüstung und Verzweiflung.

Vergessen – das möchte auch Lynn Karkouki. Vergessen, was sie in Syrien erlebt hat, bevor sie im November 2015 nach Österreich geflohen ist. Die Vergessenen Städte sind längst geplündert und zerstört, abgefackelt und niedergebrannt. "In Syrien verlieren wir gerade so viele Schätze. Es gibt nichts mehr, was wir unseren Kindern zeigen können", sagt Karkouki. "Das macht mich traurig. Denn man kann sich nicht weiterentwickeln ohne Vergangenheit."

Dann kam der Krieg

2013, kurz bevor der Krieg ausbrach, arbeitete sie mit Kollegen an einem Projekt, das ihr besonders am Herzen lag: Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus der ganzen Welt sollten in die Vergessenen Städte kommen. Mit dem Projekt wollten Karkouki und ihre Kollegen der lokalen Bevölkerung zeigen, welche historischen Schätze Syrien besitzt. Heute muss man wohl sagen: besaß. Assyrer, Mesopotamier, Perser, Römer und Hellenen zeigten in Syrien, zu welchen kulturellen Höchstleistungen Menschen fähig sind. Doch fünf der sechs Weltkulturerbestätten sind heute teils schwer beschädigt. Die Bilder der Verwüstung erschüttern; das Drama von Palmyra ging um die Welt.

Es kam nicht mehr zu Karkoukis Projekt: Es kam der Krieg. Und Lynn Karkouki kam nach Wien. Eine Kollegin im Deutschkurs erzählte ihr, dass die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) jungen geflohenen Akademikerinnen und Akademikern mit wissenschaftlicher Praxis Praktikumsplätze unter dem Motto "Flüchtlinge fördern, Flucht erforschen" an ihren Forschungseinrichtungen vermittelt.

Humanistische Werte

Lynn griff zum Hörer und rief an. Seit Mai absolviert sie nun ihr Praktikum am Österreichischen Archäologischen Institut und arbeitet an der Erforschung des Territoriums der antiken lykischen Stadt Limyra in der heutigen Südwesttürkei. Aus Vermessungsdaten und 3-D-Laserscans erstellt sie Pläne und kartiert die archäologischen Befunde aus dem Umland. Archäologie und Architektur zu verbinden, das könnte man als Karkoukis Leitmotiv bezeichnen: "Im Idealfall repräsentieren beide Fächer humanistische Werte. Ein gut gebautes Haus etwa bietet Schutz, und zwar allen Menschen. Das hat etwas Verbindendes."

Mit dem Praktikumsprojekt will die ÖAW geflohenen Menschen bei der Integration helfen, ihnen eine Perspektive in der Wissenschaft geben. Wie sieht Lynn Karkouki ihre Zukunft? "Ich würde gerne an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis weiterarbeiten." Für Syrien wünscht sie sich, "dass eines Tages die Architekten zurückkommen – und die Erinnerung an das Alte mitbringen." Zurückkommen, um Neues aufzubauen. (Lisa Mayr, 8.8.2016)

  • Verbindet Architektur  und Archäologie: die syrische Architektin Lynn Karkouki.
    foto: niki gail / öai / öaw

    Verbindet Architektur und Archäologie: die syrische Architektin Lynn Karkouki.

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