Von wegen Missbrauch religiöser Symbole

Blog5. August 2016, 07:00
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Dass dies in Österreich "unüblich und inakzeptabel" sei, ist nicht die ganze Wahrheit – dagegen wehren müssen sich aber vor allem die Gläubigen selbst

Es ist ein bisschen schwer auszumachen, wer im täglichen innenpolitischen "Schlag den Erdoğan"-Contest gerade die Nase vorne hat: Kanzler Christian Kern oder Außenminister Sebastian Kurz.

Es ist jedenfalls ein hartes Rennen – und eröffnet hat es Kern via Facebook mit einem bemerkenswerten Eintrag. Er wies – zu Recht – entrüstet den Vorwurf zurück, dass Türken in Österreich und Deutschland nicht demonstrieren dürften. Er wies auf die Regeln hin, die es dabei einzuhalten gelte, die "Rechte und Pflichten", wie er es formulierte. Und dann schrieb er noch: "Der Missbrauch religiöser Motive, um eine autoritäre Politik zu rechtfertigen, ist in Österreich nicht nur nicht üblich, sondern absolut inakzeptabel." Das ist einigermaßen erstaunlich. Kern muss da wohl ein paar der letzten FPÖ-Wahlkämpfe verpasst haben.

FPÖ bekreuzigt sich

Was anderes als der Missbrauch religiöser Motive waren denn etwa die Wahlslogans "Daham statt Islam" oder "Pummerin statt Muezzin" bei der Wahl 2010 oder "Abendland in Christenhand" bei den Wiener Gemeinderatswahlen 2009? Da trat Parteichef Heinz-Christian Strache auch bei einer "Anti-Moscheen-Demo" in der Wiener Innenstadt auf – und zog, unter dem Gegröle seiner Anhänger, auch noch ein Kruzifix aus der Tasche. Nicht nur die "Plattform Christen und Muslime" protestierte damals, von Kardinal Christoph Schönborn abwärts hagelte es Kritik.

Vielleicht hat Kern – aus Sicht eines Sozialdemokraten verständlich – diese Details österreichischer Innenpolitik auch verdrängt. Immerhin war die FPÖ, im Gegensatz zur SPÖ, vielleicht auch wegen solcher Slogans bei fast allen Wahlgängen im letzten Jahrzehnt außerordentlich erfolgreich.

Muslime müssen sich wehren

Wichtig ist jedoch, dass sich, wann immer die FPÖ in die katholisch-abendländische Kitsch- und Klischeemottenkiste greift, namhafte Vertreter der betreffenden (und betroffenen) Glaubensgemeinschaft zu Wort melden und sich jegliche Instrumentalisierung verbitten.

Das kann man bei den teilweise ebenfalls religiös ummantelten Angriffen des türkischen Präsidenten auf Verfassung und Rechtsstaat seines Landes nicht behaupten. Wo blieb etwa, noch vor den jetzigen Post-Putschversuch-Säuberungen, der Aufschrei der gläubigen Muslime, als Erdoğan, unter Vortäuschung moralisch-religiöser Gründe, gemischtgeschlechtliche Studentenwohnheime verbot? Schon damals war mehr als durchsichtig, dass es ihm nicht um Moral, sondern um die Leerung möglicher politisch oppositioneller Widerstandsnester ging. Längst hätten Muslimenvertreter im In- und Ausland sich damals verbitten müssen, für rein innenpolitische Machtzwecke herzuhalten.

Zu viele Erklärungen

Stattdessen wird auch noch entschuldigt und erklärt, wenn nun in Österreich und Deutschland von Erdoğan beseelte Demonstranten "Allahu akbar" rufen. Wenn das, in dem Zusammenhang, nichts anderes als "Gott sei Dank" heißen sollte, dann verkauft man nicht nur Nichtmuslime damit für blöd.

Das geht schon seit Jahren so, aber niemand, der nicht mit der FPÖ in einen Topf geworfen werden wollte, wagte es anzusprechen: Die plötzliche Religiöswerdung vieler in Österreich geborener und/oder aufgewachsener Menschen mit türkischen Wurzeln in den letzten Jahrzehnten hatte oft weniger mit tatsächlicher Hinwendung zum Glauben zu tun – sondern war, unausgesprochen, aber für "Eingeweihte" klar ersichtlich, eher eine "Wiederentdeckung" ihrer türkischen Wurzeln – verbunden mit einem klaren politischen Statement pro AKP und pro Erdoğan. Diese Art von politischer Camouflage ist tatsächlich in westlichen Demokratien unüblich – und inakzeptabel.

Versagen von Politik

Dass dabei von vielen die klare Trennung von Politik und Religion als höchstens zweitrangig angesehen wird, dass damit oft auch ein rückschrittliches bis reaktionäres Familien- und Frauenbild Hand in Hand gehen, kann man getrost als kapitales Versagen der österreichischen Bildungs- und Integrationspolitik ansehen.

Es hilft nur nichts. Österreichs Muslimenvertreter – und nicht nur sie – müssen sich endlich klar emanzipieren von den Übergriffen durch AKP und Erdoğan. Schon deshalb, weil sie nicht nur für türkische Gläubige sprechen. Hier bedarf es einer Abgrenzung, einer Art von Reformation oder – noch besser – einer Aufklärungsbewegung, die auch klar die Haltung des Islam zu jedweder Form von Staat definiert.

Europäischer Islam

Wenn man das am Ende eines langen Prozesses dann einen "europäischen Islam" nennt, soll das so sein. Herumkommen werden die Glaubensgemeinschaften in Europa um einen solchen Prozess jedenfalls nicht. Besser, sie fangen früher damit an als später. (Petra Stuiber, 5.8.2016)

  • Frauen bei Pro-Erdoğan-Demo in Köln nach dem gescheiterten Putschversuch: Vermischung von Politik und Religion.
    foto: dpa / henning kaiser

    Frauen bei Pro-Erdoğan-Demo in Köln nach dem gescheiterten Putschversuch: Vermischung von Politik und Religion.

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