Deutsch-jüdische Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff gestorben

2. August 2016, 14:31
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Autorin von "Du bist nicht so wie andre Mütter" – War mit französischem Filmemacher Lanzmann verheiratet

Berlin – Die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff war eine Unangepasste und eine – auch von der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts – Herumgetriebene. Als sie 2006 nach Berlin-Grunewald zog, das sie 1939 als "Halbjüdin" mit ihrer Mutter Richtung Bulgarien verlassen musste, sagte sie: "Ich bin nicht gekommen, um hier zu leben, sondern um hier zu sterben."

Für ihre Rückkehr hatte die am 24. Dezember 1927 geborene Tochter einer Jüdin und eines Preußischen Junkers, die das Wort Heimat zeitlebens für unanständig hielt, Jerusalem verlassen, wo sie nach den Stationen München und Paris 23 Jahre in der Nähe der Altstadt mit 44 Katzen gelebt hatte.

Jerusalem, dem sie auch ihr letztes Buch Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem (2002) widmete, war der Ort, an dem die Autorin noch am ehesten Ruhe fand, auch wenn sie sich mit der Siedlungspolitik des Landes schwertat, was sie immer wieder auch öffentlich äußerte. Und es war die Stadt, in der sie Anfang der 1970er-Jahre ihren zweiten Ehemann, den Dokumentarfilmer Claude Lanzmann, kennenlernte, mit dem sie bis zur Scheidung in Paris lebte, wo sie Sartre und Simone de Beauvoir kennenlernte.

Letztere schrieb im Vorwort zu Schrobsdorffs Roman Die Reise nach Sofia (1983): "Sie erzählt, was sie erlebt hat, und sie erzählt es mit Distanz und zärtlicher Ironie." Zu jenem Zeitpunkt war Schrobsdorff schon eine vielübersetzte Bestsellerautorin, die sich seit ihrem zu jener Zeit skandalös freizügigen Roman Die Herren (1961), der auch ihre jüdische Herkunft thematisierte, stets autobiografischer Themen bediente.

Du bist nicht so wie andre Mütter. Die Geschichte einer leidenschaftlichen Frau (1992), ein Buch über ihre Mutter, deren Eltern in Theresienstadt ermordet wurden, war dann – auch durch die Verfilmung mit Katja Riemann in der Hauptrolle – der letzte große Erfolg Schrobsdorffs.

Schreiben bedeutete für die streitbare und eigensinnige Frau mit der rauchigen Stimme, um die es in den letzten Jahren ruhig geworden war, neben Glück immer auch Befreiung. Angelika Schrobsdorff ist, wie Montagnacht bekannt wurde, nach langer Krankheit am Wochenende 88-jährig in Berlin gestorben. (steg, 2.8.2016)

  • Schreiben als Befreiung: Angelika Schrobsdorff.
    foto: imago/uwe steinert

    Schreiben als Befreiung: Angelika Schrobsdorff.

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