Gülen-Anhänger leben in Angst

2. August 2016, 07:09
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Vorarlberg hat neben Wien den höchsten Anteil an türkischstämmigen Einwohnerinnen und Einwohnern. Durch die Community ziehen sich tiefe Risse

Bregenz – Kein Verständnis, absolut keines habe er, wenn ausländische Konflikte nach Vorarlberg getragen werden, sagt Landeshauptmann Markus Wallner (VP). Auch Sicherheitslandesrat Erich Schwärzler (VP) will keine "türkischen Verhältnisse" im Land. Die Realität sieht anders aus. Menschen, die als Anhänger der Hizmet- oder Gülen-Bewegung bekannt sind, werden über Facebook bedroht, sind auch direkten Anfeindungen ausgesetzt. "Da wird gehetzt, sogar Adressen von Gülen-Leuten werden über Facebook veröffentlicht", ist der Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer (VP), in dessen Gemeinde eine große türkische Community lebt, empört.

Die meisten der rund 30.000 Vorarlberg-Türken und –Türkinnen sind zur Zeit auf Urlaub in der Türkei. "Was ist, wenn die alle zurückkommen?", fragt sich einer der Gülen-Anhänger bange. Drohungen in Betrieben oder im Stiegenhaus seien bereits jetzt an der Tagesordnung. Wer zur Gülen-Bewegung gehört, und die rund 100 Menschen kennt man in der Community, wird als "Terrorist" beschimpft, entsprechende Behandlung angedroht.

Der Großteil der türkischstämmigen Vorarlberger bezieht Informationen aus türkischen Medien, die bekanntlich von der Regierung gesteuert werden. Das Ergebnis der Hetze via Medien und Internet sind verängstigte Menschen, die sich nicht mehr getrauen, Bildungsangebote und Veranstaltungen der Gülen-Bewegung zu besuchen. Oder lieber nicht in die Moschee gehen, weil sie politischen Konfrontationen ausweichen wollen.

Rechtsgerichtete türkische Vereine wie die Grauen Wölfe oder Safak sind in Vorarlberg präsent. Sie liefern sich immer wieder mit Andersdenkenden Auseinandersetzungen. Safak protestierte im Frühling lautstark vor einer Kirche gegen die Katholiken, die Armenier-Freunde seien und die Völkermordlüge unterstützten. Ob das Land Safak und andere türkische Verein fördere, fragte daraufhin der FPÖ-Abgeordnete Waibel in einer Landtagsanfrage. Die Antwort: Es gäbe keine Landesmittel für türkische Vereine, sondern Projektförderungen auf Basis des Integrationsleitbildes für österreichische Vereine mit Sitz in Vorarlberg, darunter auch solche, die mehrheitlich türkeistämmige Mitglieder aufweisen.

Rechte Gruppen aktiv

Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Kurden und rechten Gruppen. Vor drei Wochen wurden Kurden, die in Bregenz einen Infostand organisierten, via Facebook derart von den Grauen Wölfen bedroht, dass die Polizei mit einem sonntäglichen Großaufgebot zum Schutz des Infostands anrückte.

In der Putschnacht versammelten sich vor dem türkischen Konsulat in Wolfurt bei Bregenz 600 Menschen zu einer unangemeldeten Demonstration. Unter den Protestierenden auch der Arbeiterkammerfunktionär Adnan Dincer, der die Integrationspolitik in Österreich als fehlgeschlagen bezeichnet. Seine Partei "Neue Bewegung für die Zukunft" soll der UETD nahe stehen. Den Verantwortlichen der Kundgebung droht ein Verwaltungsstrafverfahren, kündigte Landeshauptmann Wallner an.

Die Meinungsführer in Vorarlberg sind AKP-Anhänger. Der Verein Avusturya Türk Islam Birligi (ATIB) betreibt die meisten der 28 Gebetshäuser im Land. ATIB gilt als verlängerter Arm der türkischen Regierung. Murren in der islamischen Gemeinschaft verursachte die Auflage der österreichischen Behörden, Imame dürften nicht mehr aus der Türkei bezahlt werden. Zwölf Imamen drohte der Visa-Verlust. "Ich denke, es musste keiner abgezogen werden, die Imame haben nun alle andere Arbeitgeber", sagt Abdi Tasdögen, Sprecher der islamischen Glaubensgemeinschaft. Sie würden nun von Moscheevereinen bezahlt. Die Frage, ob die Vereine aus der Türkei finanziert würden, beantwortet Tasdögen mit "weiß ich nicht, vielleicht bekommen sie eine Unterstützung aus der ATIB-Zentrale in Wien". (jub., 2.8.2016)

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