Unsere Zeit braucht keine Radikalisierung der Eliten

Userkommentar5. August 2016, 10:27
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Offener Brief an Alexander Hofer und Norbert Van der Bellen

Salzburg, im Sommer 2016

Sehr geehrte Anwärter auf das höchste Amt im Staate Österreich!

Der zweite Versuch einer Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten ist eine große Chance.

Eine Chance für Sie, eine Chance für uns, eine Chance, das wiedergutzumachen, was während des vergangenen Wahlkampfs an Schaden entstanden ist. Eine Chance zum Brückenbauen, eine Chance, auf die offensichtlich gemachte 50:50-Spaltung des Landes konstruktiv, versöhnlich und vorausschauend zu reagieren.

In zahlreichen Kommentaren und Analysen wurde Ihr Kommunikationsverhalten und die daraus abgeleitete und zu erwartende Kompetenz einer nationalen Integrationsfigur diskutiert, kritisiert und karikiert. Ihre TV-Auftritte vor dem 22. Mai 2016 haben gezeigt, dass unser zukünftiger Bundespräsident kein Halbgott, sondern ein Mensch sein wird. Und das ist gut. Menschen wachsen bekanntlich an den Aufgaben, die an sie gestellt werden. Als Lehrer weiß ich nur zu gut, dass diese Redewendung ihre Berechtigung hat. Aus diesem Grund habe ich auch nach wie vor größtes Vertrauen in Sie beide. Wer von Ihnen letztlich unser Bundespräsident sein wird, wird seine Sache gut machen.

Im vergangenen Wahlkampf hat sich jeder von Ihnen darauf konzentriert, deutlich zu machen, was den jeweils anderen disqualifiziert. Ich bitte Sie beide, den kommenden Wahlkampf umgekehrt, d. h. als paradoxe Intervention anzulegen: Bemühen Sie sich doch darum, Ihrer Wählerschaft klarzumachen, welche Qualitäten Ihr Gegner und Mitbewerber hat. An der Art und Weise, wie Sie das tun, werden die Wählerinnen und Wähler erkennen, wie viel Weisheit in Ihnen steckt. Dazu braucht es in Zeiten sozialer Netzwerke kein großes Wahlkampfbudget.

Sammeln Sie trotzdem Geld bis zur Wahl, aber verschwenden Sie es nicht zur Selbstinszenierung oder für teure Festspielkarten, sondern verwenden Sie es für karitative und integrative Initiativen. Investieren Sie Geldgeschenke nicht in Wahlkampfveranstaltungen für Ihre Anhänger, sondern schaffen Sie Möglichkeiten der friedlichen und respektvollen Begegnung unterschiedlicher Meinungen und Weltanschauungen, lassen Sie sich nicht von den Fernsehsendern in die Zwangsjacke peinlicher Unterhaltungs- und Erniedrigungsformate drängen. Das haben weder Sie noch die Österreicherinnen und Österreicher nötig.

Vielleicht diskutieren Sie in den wahrscheinlich nicht zu vermeidenden TV-Duellen Möglichkeiten der Kooperation miteinander für die Zeiten nach der Wahl. Vereinbaren Sie bereits vor der Wahl, dass der Wahlgewinner Führungskompetenzen mit dem Verlierer oder Zweitplatzierten zu teilen bereit sein wird. Schaffen Sie für Ihren Mitbewerber so etwas wie das Amt eines Vizepräsidenten. Holen Sie den Repräsentanten der zweiten Bevölkerungshälfte mit ins Boot der Lenkung dieses Staates. Unsere Zeiten brauchen keine Radikalisierung unserer Eliten. Wir brauchen Vorbilder für unsere Kinder.

Hugo Brandner

PS: Die Wortstellung in der Kopfzeile ist kein Fehler.

Hugo Brandner ist Deutschlehrer an der HLWM Salzburg Annahof


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    foto: apa/orf/thomas ramstorfer

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