Kinder kosten heute nicht mehr Geld als früher, aber mehr Nerven

2. August 2016, 08:00
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Nicht teurer, aber stressiger: So gestaltet sich für viele junge Erwachsene die Familiengründung im Vergleich zu ihren Eltern

Wien – "Um meinen Kindern das bieten zu können, was mir meine Eltern geboten haben, werde ich wohl zehn Jahre älter sein, als sie damals." – "Rechnet man auf, was man heute für Dinge ausgibt, die man eigentlich nicht braucht, wäre genauso viel Geld übrig wie früher." – "Ich persönlich habe heute mit meinem Job eher die Möglichkeit, mit meiner Tochter Zeit zu verbringen, als mein Vater damals in meinem Fall."

Das sind drei von hunderten Antworten aus dem STANDARD-Forum zur Frage, ob es früher einfacher gewesen sei, eine Familie zu gründen. Einigkeit darüber gibt es wenig, aber gewisse Tendenzen in der Wahrnehmung.

Zum Beispiel, dass die Wohnkosten für Jungfamilien heute höher sind als vor Jahrzehnten, dafür aber Quantität und Qualität des Wohnraums zugenommen haben. Dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele ein Wunsch bleibt, weil von Berufseinsteigern besonders viel Flexibilität gefordert wird. Oder dass es bei schlecht ausgebauter Kinderbetreung im Ort oder fehlender Hilfe durch Verwandte zeitlich und finanziell schwierig wird.

Viele Eindrücke und Meinungen – aber was sagt die Statistik zur Frage, ob die Familiengründung früher einfacher war?

grafik: der standard, foto: dpa

Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass dazu kaum Daten vorliegen. Der Richtsatz für Unterhaltszahlungen für getrennt lebende Eltern beispielsweise wurde vor rund 50 Jahren festgelegt und seitdem der Inflation angepasst. Wie sich die tatsächlichen Kosten entwickelt haben, lässt sich daraus also nicht ableiten.

Auch bei einer Erhebung, in der Konsumgewohnheiten regelmäßig abgefragt und international verglichen werden, sind Familienkosten nicht ausgewiesen. Einen eigenen Warenkorb zu Ausgaben für Kinder gibt es nicht. Laut Statistik Austria werden aktuell mit dem Finanz- und dem Familienministerium Gespräche darüber geführt, wie sich die finanzielle Lage von Familien in Zukunft besser erfassen lässt.

Mehr Kinder, mehr Ausgaben

Zwar schon älter, aber recht aussagekräftig ist eine Studie von Reiner Buchegger von der Universität Linz und dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind verbraucht demnach im Schnitt 1,17-mal so viel Geld wie ein kinderloses Paar. Bei zwei Kindern steigt der Wert auf das 1,39-Fache, bei drei Kindern auf das 1,54-Fache. Für jedes weitere gilt: Je mehr Kinder, desto geringer die Zusatzkosten je Kind – Ressourcen werden in größeren Haushalten besser genutzt.

Der Wert bezieht sich auf die Durchschnittskosten, die Sprösslinge zwischen null und 18 Jahren hervorrufen. Tatsächlich sind die Kosten in den ersten Lebensjahren eines Kindes geringer als mit fortgeschrittenem Alter.

Stabiler Anteil

Die Werte sind im Zeitablauf relativ stabil, nur bei der Einkindfamilie sind die Mehrkosten zwischen den Jahren 1974 und 2000 etwas zurückgegangen (siehe Grafik). Studien in anderen Industriestaaten hätten eine ähnlich konstante Entwicklung gezeigt, sagt Buchegger zum STANDARD. "Die Ausgaben für Kinder sind heute zwar in absoluten Zahlen höher, gemessen am Einkommen hat sich anteilsmäßig aber wenig verändert", so der Ökonom. Die geringen zeitlichen Unterschiede ließen darauf schließen, dass es auch in den vergangenen 15 Jahren kaum dramatische Änderungen gegeben habe.

Entscheidend für die Leistbarkeit einer Familie seien schon immer die Wohnkosten gewesen: "Wegen zunehmend prekärer Arbeitsverhältnisse ist die Beschaffung von Wohnraum für junge Menschen schwieriger. Ein hoher Anteil des Einkommens muss dafür ausgegeben werden, das kann sich hemmend auf die Familiengründung auswirken."

Schuld ist die "Rushhour"

Auch deshalb werden Kinder tendenziell früher zur Welt gebracht, je niedriger das Bildungsniveau ist und je früher der Jobeinstieg erfolgt. Wer länger lernt, hat nachher weniger Zeit zur Familiengründung. Der deutsche Soziologe Hans Bertram prägte dafür den Begriff der "Rushhour des Lebens". Die Gleichzeitigkeit der beruflichen und familiären Entscheidungen, die innerhalb weniger Jahre getroffen werden müssen, nimmt demnach zu.

foto: dpa/christian charisius

Die Familienplanung wird auf spätere Jahre verschoben, während die biologische Fruchtbarkeit der Frauen weitgehend konstant bleibt. Mit der Verlängerung der Ausbildungszeiten verkürzt sich die Zeitspanne, in der es zum Aufbau einer beruflichen Karriere und zur Familiengründung kommt – oder eben nicht.

Aufgabe der Familien- und Sozialpolitik sei es, schreibt Bertram, diese zentralen Konfliktlagen im Leben der Jungen abzumildern.

Höhere Familienleistungen

Für Sybille Pirklbauer von der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien hat sich diesbezüglich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan: "Drei Entwicklungen stechen hervor: Die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, die Ausweitung der Kinderbetreuungsplätze und der Ausbau der staatlichen Familienleistungen." Das zeigt auch ein Blick auf die Ausgaben pro Kind im Familienlastenausgleichsfonds, aus dem die wichtigsten staatlichen Familienleistungen finanziert werden. Seit 1980 sind sie deutlich gestiegen (siehe Grafik).

"Früher war es üblich, dass ein Alleinverdiener die Familie erhält. Dank des Ausbaus der Kinderbetreuung können heute beide Eltern Beruf und Familie besser vereinbaren", so Pirklbauer.

Auf der anderen Seite sei die Arbeitsplatzsicherheit höher gewesen und habe sich das Lohnniveau schwach entwickelt. "Außerdem sind die Ansprüche daran, was man seiner Familie bieten sollte, massiv gestiegen. Dinge wie jährliche Urlaube oder Unterhaltungselektronik sind heute Standard".

Faktor Steuerrecht

Wifo-Ökonomin Margit Schratzenstaller sagt zum STANDARD, die heimische Familienpolitik zeitige im Vergleich zu anderen Industriestaaten trotz überdurchschnittlich hoher Aufwendungen nur mäßige Ergebnisse. In den letzten Jahren habe es einen Schwenk weg von rein monetären Leistungen hin zu Sachleistungen (vor allem Kinderbetreuung) gegeben. Das sei positiv, weil Geldleistungen auch kontraproduktive Anreize in Sachen Arbeitsteilung geben könnten.

"Ziel ist einerseits, die Erwerbsbeteiligung von Frauen weiter zu erhöhen. Zweitens sollte auch die Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung erleichtert werden. Viele Menschen wollen das, das wissen wir aus Umfragen", so Schratzenstaller. Gefordert seien weitere Investitionen in Quantität und Qualität der Betreuungseinrichtungen sowie der Abbau steuerlicher Regelungen, die die ungleiche innerfamiliäre Arbeitsteilung stützten.

Emotionale Aspekte oft wichtiger

Ob die Familiengründung insgesamt einfacher oder schwieriger geworden ist, lässt sich abschließend wohl nur subjektiv beantworten. Folgt man der These des Soziologen Bertram, so dürfte sie für viele junge Erwachsene nicht unbedingt teurer, aber stressiger geworden sein.

Ohnehin sind finanzielle Faktoren bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind nicht immer ausschlaggebend. Forscher am Wiener Institut für Demographie haben erfragt, dass emotionale Aspekte wie "bereit sein für ein Kind" oder "passender Partner" für potenzielle Eltern wesentlich wichtiger sind – und das über alle Altersgruppen hinweg. Die finanzielle Lage und die Jobsituation sind demnach zwar für unter 30-Jährige relevanter, verlieren aber mit zunehmendem Alter deutlich an Bedeutung. (Simon Moser, 2.8.2016)

Einstieg ins Berufsleben, Familiengründung, Hausbau: War das Leben für junge Erwachsene früher einfacher? Dieser Frage widmet sich DER STANDARD im Rahmen einer Sommerserie. Schon erschienen sind:

Teil 1, Mitreden, User diskutieren: War das Leben früher besser?

Teil 2, Zusammenfassung der User-Diskussion

Teil 3, Der Einstieg ins Jobleben, damals & heute (plus ein Interview mit einem Soziologen zum "Akademisierungswahn")

Teil 4, Was Wohnen früher gekostet hat und was es heute kostet

Kein Teil der Serie, aber eine umfangreiche Datensammlung zum Thema: Wann Familien gegründet werden

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