Die Ursprünge des weiblichen Orgasmus

1. August 2016, 18:17
444 Postings

Viele Wissenschafter befassten sich bereits mit dem Höhepunkt der Frau. Nun nähert sich ein Biologenduo dem einzigartigen Phänomen aus evolutionärer Perspektive

Wien – Der weibliche Orgasmus hat schon die größten Denker vor Herausforderungen gestellt: Aristoteles hat sich ebenso damit beschäftigt wie Sigmund Freud, dessen Unterscheidung zwischen dem "unreifen" klitoralen und dem "reifen" vaginalen Orgasmus nicht nur von feministischen Forscherinnen abgelehnt wird.

Man kann sich dem ergiebigen Thema aber auch aus dem Blickwinkel der Biologie annähern, für die außer im Licht der Evolution nichts sinnvoll ist, wie schon Theodosius Dobzhansky wusste. Was also könnte die evolutionäre Bedeutung des weiblichen Orgasmus sein?

Für die Befruchtung der Eizelle ist er nicht nötig, das geht auch ganz ohne sexuellen Höhepunkt der Frau. Unbestritten ist, dass er durch Ausschüttung des Hormons Oxytocin die Bindung zwischen den beteiligten Personen erhöht. Doch ist das alles? Und wie ist das bei anderen Säugetieren?

Glückliche Adaption

Die in Wien promovierte Biologin Mihaela Pavlicev (University of Cincinnati) und ihr aus Österreich stammender Kollege Günter Wagner (Yale University) nahmen für ihre neue Studie über die evolutionären Ursprünge des weiblichen Orgasmus das Reproduktionsverhalten etlicher Säugetierspezies unter die Lupe. Das Forscherduo legte dabei besonderes Augenmerk auf die koitale Hormonausschüttung und die jeweiligen Menstruationszyklen.

Denn während bei vielen Säugetieren der Eisprung erst durch das Männchen ausgelöst wird, ist der Zyklus der Frau unabhängig davon. Doch was war zuerst? Die Analysen der Evolutionsbiologen im Fachblatt "JEZ-Molecular and Developmental Evolution" führen zu einer klaren Antwort: Die ursprünglichere Form ist jene, bei der das Männchen den Ausstoß jener für die Ovulation nötigen Hormone auslöst, die auch beim Orgasmus freigesetzt werden.

Das aber bedeute, dass der Orgasmus der Frau quasi ein "glücklicher nachträglicher Einfall" der Evolution ist, eine Adaption einer zunächst rein reproduktiven Funktion. Pavlicev und Wagner sehen diesen Befund – um wieder mit Freud zu enden – auch durch rezente Studien über die Evolution der Klitoris bestätigt: Diese habe sich ursprünglich im Geburtskanal befunden, ehe sie im Lauf der Evolution nach außen wanderte. (Klaus Taschwer, 2.8.2016)

  • Der Höhepunkt der Frau (hier: "Die Ekstase der heiligen Theresa") dürfte ein nachträglicher Einfall der Evolution sein. Ursprünglich dienten die dabei freigesetzten Hormone dazu, den Eisprung auszulösen.
    foto: nina aldin thune

    Der Höhepunkt der Frau (hier: "Die Ekstase der heiligen Theresa") dürfte ein nachträglicher Einfall der Evolution sein. Ursprünglich dienten die dabei freigesetzten Hormone dazu, den Eisprung auszulösen.

Share if you care.