Russlands Forschung in Gefahr

2. August 2016, 09:00
192 Postings

Offiziell widerspricht das Bildungsministerium in Moskau den aufgetauchten Plänen für massive Einsparungen im Forschungs- und Bildungsbereich

Die Krise in Russland macht vor Bildung und Wissenschaft nicht halt: Um Geld zu sparen, sollen laut einem Zeitungsbericht bis 2019 tausende Wissenschafterstellen gestrichen werden. Das Ministerium dementierte die Pläne. Hintergrund ist die nötige Haushaltsdisziplin aufgrund der gefallenen Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor. In der vergangenen Woche wurde auf einer Regierungssitzung beschlossen, den Ausgabenpart in den Jahren 2017 bis 2019 stabil bei 15,78 Billionen Rubel (umgerechnet gut 200 Milliarden Euro) zu halten.

Für Bildung und Wissenschaft bedeutet die Entscheidung reale Kürzungen: Der Anteil der Bildungsausgaben am Gesamthaushalt sinkt von 2,75 Prozent (2015) auf 2,45 Prozent (2019). Auch den Wissenschaftssektor trifft es hart: Statt 0,98 Prozent werden 2019 nur noch 0,87 Prozent für Forschung und neue Technologien aus dem Etat verwendet. Zum Vergleich: Für den Unterhalt der Streitkräfte gibt Russland knapp 20 Prozent seines Budgets aus.

Weniger Forscher benötigt

Die Kürzungen haben laut der Internetzeitung gazeta.ru reale Konsequenzen für Studenten und Wissenschafter. Unter Berufung auf Dokumente aus dem Bildungsministerium wird berichtet, dass 40 Prozent der vom Haushalt gestützten Studienplätze wegfallen und 8300 Wissenschafter entlassen werden sollen. Doktorstipendien werden gekürzt.

Auch die Russische Akademie der Wissenschaften (RAdW) wäre demnach vom Stellenabbau betroffen. Das einst größte Zentrum für Grundlagenforschung wurde schon 2013 von Bildungsminister Dmitri Liwanow, der sie als "archaisch und ineffizient" kritisierte, mit einer Reform an die Kandare genommen. Die "Reform" stieß bei den Wissenschaftern zwar auf heftigen Widerstand, trotzdem wurde die Akademie inzwischen zumindest finanziell der Föderalen Agentur für Wissenschaftsorganisationen untergeordnet.

RAdW-Präsident Wladimir Fortow kommentierte das Bekanntwerden neuer Einschnitte daher mit Bitterkeit. Er wisse zwar nicht, wo die konkrete Zahl von Entlassungen herkomme, weil er bei der entscheidenden Sitzung nicht dabei gewesen sei. "Von den Zahlen her, die ich kenne, beläuft sich die Kürzung auf zehn bis 15 Prozent der Stellen", räumte er dabei ein.

Bildungsministerium dementiert Kürzungen

In der Kremlpartei Einiges Russland wurde die Veröffentlichung der Kürzungspläne kurz vor den Wahlen mit Unwillen aufgenommen: Parteisekretär Sergej Newerow kündigte ein "hartes Gespräch" mit Liwanow an. Seine Fraktion werde alles unternehmen, um solche Schritte zu vermeiden.

Kurz darauf ging das Bildungsministerium dann in die Gegenoffensive: "Das Ministerium plant nicht, Wissenschafter zu kürzen", teilte eine Sprecherin mit. Die Behörde sehe es als ihre Hauptaufgabe an, mehr Budgetgelder für Wissenschaft und Bildung herauszuholen. So seien die Gehälter der Wissenschafter in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel gestiegen, betonte sie.

Die steigenden Gehälter für Forscher sind eine Forderung Wladimir Putins, die durchaus berechtigt ist. Sie ist freilich unter der Bedingung einer eher sinkenden Finanzierung für den Sektor gleichbedeutend mit der Notwendigkeit, Personal zu entlassen. (André Ballin aus Moskau, 2.8.2016)

  • Dunkle Wolken über der staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau. Die Budgetkürzungen werden massiv ausfallen.
    foto: reuters/ maxim shemetov

    Dunkle Wolken über der staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau. Die Budgetkürzungen werden massiv ausfallen.

Share if you care.