"Die Liebe der Danae": Ermüdende Pracht der Klischees

1. August 2016, 16:37
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Premiere von Richard Strauss' Oper im Großen Festspielhaus: Regisseur Alvis Hermanis setzt auf opulente Kitschbilder. Ein tolles Sängerensemble macht den Abend wert- und gehaltvoll

Salzburg – Es war einmal ein König namens Pollux, um den Pleitegeier kreisten. Längst hatte er alle Kreditrahmen gesprengt; nun aber will Pollux, in größter Bedrängnis, seinen letzten Turban opfern. Den allerdings braucht die Gläubigergruppe wirklich nicht. Regisseur Alvis Hermanis hat sie gut ausstatten lassen; die Geldeintreiber scheinen Sitzpolster auf dem Kopf zu balancieren, wobei auf märchenhafte Art und Weise bei dieser Aufführung von Richard Strauss' Liebe der Danae kein Turban vom Schädel plumpst.

Es ist nicht das einzig Bemerkenswerte an dieser Edelkitschinszenierung, die ein bisschen an jene Hollywoodfilme der 1950er-Jahre erinnert, in denen Esther Williams die Wassernixe gab. Da wäre etwa auch der gelassene Esel, der später, als sich Midas und Danae gefunden hatten, elegant über die Bühne stolzierte, ohne sich nervös zu erleichtern – mochten die symphonischen Wogen noch so bedrängend um ihn toben!

War es im Eselsfall schwer zu entscheiden, ob das virtuose Handwerk Hermanis' für die noble Zurückhaltung des Vierbeiners verantwortlich zeichnete, war unzweifelhaft das Bühnenbild des Regisseurs Fantasiewerkstatt entsprungen. Die akustischen Rahmenbedingungen hat es auch ideal mitgestaltet: Eine weiße, gleichsam aus Badezimmerkacheln geformte Wand dominierte und gab dann den Blick frei auf Danaes Traum (goldgeschmückte Tänzerinnen). Vor der Wand eine Art begehbare Kachelpyramide: Sie ward mit Teppichen oder Projektionen verziert, welche wiederum von der Sympathie für Ornamentik Zeugnis ablegten.

Mithilfe dieser akustisch praktischen Dekorationskunst wurde es eine musikalisch exzeptionelle Aufführung. Wie einst beim Salzburger Rosenkavalier war Krassimira Stoyanova (als Danae) eine Garantin für ausdrucksvolle, immer substanzvolle und präsente Lyrik. Nicht weniger als gleichwertig in der Mischung aus Unmittelbarkeit und vokaler Ungefährdetheit Tomasz Konieczny (als Jupiter), den nur zum Schluss hin die Kräfte etwas verließen.

Witziger Merkur

Dann auch Norbert Ernst: Als ebenfalls "turbanisierter" Merkur erzählt er Jupiter eindringlich, wie die Götterwelt – und insbesondere Gattin Juno – Erheiterung überkam, als Jupiter von Danae einen Korb bekam. Luxus verschmähend, wandte sie sich dem zum Eseltreiber degradierten Midas zu, während König Pollux (hervorragend: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) übrigens doch noch zu Wohlstand kam.

Auch das restliche Ensemble wie auch der tolle Chor profitierte aber vor allem von der Balancearbeit des Dirigenten Franz Welser-Möst: Im so heiklen Großen Festspielhaus war jede Stimme in (falls vorhandener) voller Pracht wahrzunehmen. Dennoch keine schüchterne Zurückhaltung seitens der Wiener Philharmoniker: Diesen nie abebbenden spätmeisterlich-weltabgewandten Linien- und Klangstrom setzen sie mit nobler Intensität um. Transparent blieb es auch bei imposanten Entladungen und ergab wohlproportionierte und ausbalancierte Strukturen.

Kunst als Pause

Musikalisch also ein großer Abend, der über einen sich nach und nach leerlaufenden Augenschmaus hinwegtröstet. Ja, Hermanis ist (mit Ausnahme des doch statisch angelegten Chors) fähig, mit stilisierten Gesten Figuren Kontur zu verleihen. Ja die Choreografie von Alla Sigalova, die ein bisschen an indischen Tanz im Geiste von Gott Shiva gemahnte, war ein belebendes Element – bis es redundant wurde.

Der ganze Prunk atmet allerdings den Unwillen, sich vom Geheimnisvollen belästigen zu lassen. Da blättert man doch lieber als Fantasietourist im Buch der Exotik. Das ist – absichtsvoll und damit konsequent von Hermanis – Kunst als Pause von Tiefeschichten sogar einer märchenhaften Wirklichkeit.

Und landet Danae am Teppichwebstuhl, sitzen verhüllte Figuren um sie, die wie Schlossgespenster wirken. Sie sollen wohl ängstliche Burkafantasien andeuten und bringen Gewissheit: Was Hermanis hier anfasst, gerät zum vorurteilsprallen Klischee. Applaus für alle. (Ljubiša Tošić, 1.8.2016)

Salzburger Festspiele, 5., 8., 12. und 15.8.

  • Groß sei der Turban, rein und unversehrt bleibe aber die Kunst:  Vergoldete Danae (die grandiose Krassimira Stoyanova) blickt im Großen Festspielhaus herab auf Gott Jupiter (hervorragend Tomasz Konieczny, li. u.).
    foto: apa/barbara gindl

    Groß sei der Turban, rein und unversehrt bleibe aber die Kunst: Vergoldete Danae (die grandiose Krassimira Stoyanova) blickt im Großen Festspielhaus herab auf Gott Jupiter (hervorragend Tomasz Konieczny, li. u.).

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