Christian Jost: "Ich glaube nach wie vor an die Kraft des Erzählens"

Interview1. August 2016, 16:33
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Der Composer in Residence des Grafenegg Festivals über seine neueste Arbeit, Vorbilder und die Zukunft des Komponistenberufes

STANDARD: Herr Jost, früher hätte man einen Komponisten und Dirigenten mit "Meister" oder "Maestro" angesprochen. Warum zögern wir heute, das zu tun?

Jost: Vielleicht, weil sich gesellschaftliche Hierarchien immer weiter auflösen, was viel Gutes mit sich bringt, worin aber auch manche Gefahr schlummert. Womöglich greifen wir auf derartige Bezeichnungen in einigen Jahren wieder zurück.

STANDARD: Wie verhalten sich das Komponieren, Analysieren und Interpretieren zueinander?

Jost:Dies sind alles unterschiedliche Prozesse, die sich wie in meinem Fall gegenseitig bereichern. Das Komponieren ist ein Prozess, in dem Zustände von innen nach außen gleichsam materialisiert werden. Als Dirigent ist dies umgekehrt, da ich ein zu dirigierendes Werk quasi erst mal in den Körper bekommen muss, um es dann mit einem Orchester erarbeiten zu können. In meiner Tätigkeit als Kurator und Moderator der Konzertreihe 2xhören im Konzerthaus Berlin analysiere ich ein Werk aus der Vogelperspektive, um es dem Publikum möglichst anschaulich zu vermitteln. Natürlich vermischen sich alle drei Prozesse bei der jeweiligen Aufgabe miteinander und bedingen einander.

STANDARD: Welche Einflüsse kann man bei Ihrer Musik hören? Gibt es auch verborgene Spuren, die wichtig für Sie sind, aber vielleicht nicht unbedingt wahrnehmbar?

Jost:Als Komponist hat mich Beethoven in seinem Strukturdenken bis zum heutigen Tag stark geprägt, und mit der Operngeschichte von den Anfängen bis in die Jetztzeit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt. Gefolgt bin ich dabei meinen ganz eigenen Leidenschaften und dem, was mich unmittelbar begeistert – keinen Unterschied machend zwischen Puccini oder Reimann. Ich bin ein Kind des Fusion-Jazz, und die Götter meiner Jugend waren Return to Forever und ihre Helden Billy Cobham, Chick Corea, Keith Jarrett, Miles Davis, dazu Ligeti und Lutoslawski und immer wieder Bach und Beethoven: Das waren die Sachen, mit denen ich mich beschäftigt habe, offen gestanden mehr als mit der Neue-Musik-Avantgarde, die mir damals zu hermetisch vorkam.

STANDARD: Inwieweit spielen für Sie die traditionellen Gattungen wie etwa das Solokonzert eine Rolle?

Jost: In einer Zeit des "anything goes", in der die Bezeichnung des Komponisten auch auf DJs und Produzenten ausgeweitet wird, halte ich es für wichtig, als Komponist von Kunstmusik einen Beitrag zu den tradierten Gattungen zu leisten und diese im besten Fall zu beleben.

STANDARD: Für die Eröffnung des Grafenegg Festivals haben Sie als Composer in Residence neben einer neuen Fanfare auch Beethovens Lied "An die Hoffnung" zum Ausgangspunkt einer Neukomposition genommen. Wie stellen Sie die Beziehung zu diesem Vorbild her?

Jost: Ich habe ein sehr organisches Werk komponiert, in dem drei Teile nahtlos ineinander übergehen. Der erste Teil ist ein rhythmisch pulsierendes Hinführen zu dem Beethoven'schen Lied. Rhythmische Verdichtungen spitzen sich hierbei zu immer neuen Steigerungen zu, die etwas wie Hoffnung auslösen könnten, dann aber in ihrer Brüchigkeit erschlagen werden. Das Lied erscheint im zweiten Teil und wird von mir bis auf die Gesangslinie komplett instrumentiert und mit harmonischem Material angereichert. Dadurch erklingt es wie durch eine Linse in die Vergangenheit betrachtet, aber eben aus dem Jetzt heraus. Diese Möglichkeit generiere ich erst dadurch, dass ich die Gesangslinie beibehalte, die dann wie ein Lichtstrahl aus der Erinnerung wirkt. Anschließend mündet das Ganze in einen dritten Teil, der im Grunde ein sehr transzendierendes Adagio bildet – ausgelöst durch eine sich wiederholende Linie der Celli.

STANDARD: Der Titel des Komponistenworkshops "Ink Still Wet", den Sie heuer leiten, bezieht sich auf den Satz "Und die Tinte noch nass!" aus Wagners "Meistersingern": Sehen Sie in Ihren Werken mehr Abgrenzung zur Tradition oder mehr Verbindendes?

Jost: Mehr Verbindendes. Ich glaube nach wie vor an die Kraft des Erzählens einer Geschichte und das ungebrochene gesellschaftliche Bedürfnis danach. Nur sollte dies zu jedem Zeitpunkt innovativ und kontemporär geschehen; so erzählt, dass den verschiedenen Wahrnehmungserfahrungen des modernen Menschen Rechnung getragen wird.

STANDARD: Wird es in zwei Generationen noch den Beruf des Komponisten geben, wie wir ihn kennen?

Jost: Solange Komponisten nachhaltig die Fähigkeit besitzen, in ihrer Zeit zu den Menschen zu sprechen und Raum für subtiles, spannungsreiches und emotionales Hören zu ermöglichen, wird es diese sehr menschlich eigene Begabung geben. (Daniel Ender, 1.8.2016)

Christian Jost, geboren 1963 in Trier, studierte an der Musikhochschule Köln und am San Francisco Conservatory of Music Komposition, Werkanalyse und Dirigieren. Er schrieb zahlreiche Auftragswerke, vor allem Opern und Solokonzerte, und dirigiert renommierte Orchester.

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Grafenegg Festival (19. August bis 11. September)

  • Jazz und immer wieder Bach und Beethoven: Christian Jost.
    foto: monika rittershaus

    Jazz und immer wieder Bach und Beethoven: Christian Jost.


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