Brasiliens verschwundene Kinder

23. August 2016, 11:00
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Allein in Rio de Janeiro verschwindet schätzungsweise pro Tag ein Kind. Die Angehörigen sind bei der Aufklärung auf das Wohlwollen der Polizei angewiesen

Die Runde klatscht, als der Bursche die Kerzen auf der Torte ausbläst. Er grinst, als ihm alle Versammelten anerkennend auf die Schultern klopfen oder ihn umarmen. Der junge Brasilianer hat nicht Geburtstag, doch der Tag ist mindestens genauso wichtig für ihn. Vor mehr als zehn Jahren ist seine Schwester in der Millionenmetropole Rio de Janeiro entführt worden. Vor seinen Augen. Er war damals fünf Jahre alt. Nun kam durch die Therapie die Erinnerung klarer zurück. Durch seine Aussage konnte der Entführer und spätere Mörder seiner Schwester verurteilt werden. Er sitzt nun in Haft.

Die Frau, die dem Teenager die Torte überreicht hat, ist Wal Ferrão. Die ehemalige Journalistin beschäftigte sich jahrelang mit den verschwundenen Kindern Brasiliens. Sie recherchierte Hintergründe, traf Behördenvertreter und Angehörige und erreichte sogar, dass ein Kinderbordell aufgrund ihrer Nachforschungen geschlossen wurde. Im Laufe ihrer Arbeit realisierte sie, dass das Thema in Brasilien von der Öffentlichkeit und dem Staat selbst vernachlässigt wird. Und das, obwohl schätzungsweise allein in Rio de Janeiro pro Tag ein Kind verschwindet.

foto: thomas bauer, tbauerblog.wordpress.com
Luciene Torres zeigt ein Plakat mit den Fotos vermisster Kinder – ihre Tochter ist eines von ihnen.

Keine nationale Datenbank

Wie viele es landesweit sind, weiß niemand. Eine nationale Datenbank gibt es nicht. "Jede Organisation, die Sie fragen werden, wird Ihnen andere Zahlen nennen", sagt Katia Dantas vom International Centre for Missing and Exploited Children (ICMEC) in Brasilien. Verlässliche Daten würde es nur zu manchen Regionen geben. Die Hilfsorganisation PortalKids, die Ferrão gegründet hat, um vor allem Geschwistern und Müttern entführter Kinder zu helfen, spricht von 40.000 Menschen, die jährlich in Brasilien verschwinden.

Zu diesen Verschwundenen gehört Luciane Torres Da Silva. Im Jahr 2009 kam das damals neunjährige Mädchen, das in Nova Iguaçu im Bundesstaat Rio de Janeiro auf dem Weg zur Bäckerei, gewesen war, nicht mehr nach Hause. Ihre ältere Schwester suchte sie mit dem Fahrrad, die Mutter rief alle Verwandten durch. "Nach mehreren Stunden habe ich mich zu meiner Tochter umgedreht und gesagt: ‚Sie haben deine Schwester gestohlen‘", erinnert sich Mutter Luciene Torres. Ihre Stimme bricht immer wieder, als sie sich an die darauffolgenden Tage erinnert.

Per Lautsprecher ließ die Familie die Bevölkerung über das Verschwinden informieren. Ein Nachbar meldete sich: Er habe einen Mann gesehen, der die Kleine auf ein Fahrrad gepackt habe. Mehrere Zeugen erinnerten sich an diesen Mann. Er sei mit dem Rad und dem Kind in ein Nachbarviertel gefahren und kurz darauf ohne Fahrrad und Mädchen wieder zurückgekommen.

Mit diesen Informationen ging Torres zur Polizei. Die Antwort des Beamten: "Finden Sie das Fahrrad, dann finde ich den Mann." Auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera an der Strecke, die der Täter gefahren sein soll, wurden laut Torres nie polizeilich untersucht. Später wurde ein Verdächtiger festgenommen, allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Mutter macht schlampige Polizeiarbeit dafür verantwortlich. Die Zeugen der Entführung wurden laut Torres nie vernommen. Nach sechs Jahren habe sich schließlich das Kinderamt gemeldet. Man würde Torres gerne zur angeblichen Entführung befragen.

foto: thomas bauer, tbauerblog.wordpress.com
Bei PortalKids werden die Angehörigen vermisster Kinder auch psychologisch betreut.

Unterschiedliche Polizeiarbeit

Die Motive für die Entführungen seien laut Ferrão vielschichtig: Kinderprostitution, Kinderhandel, Organhandel. "In den meisten Fällen steckt die Mafia dahinter, doch das wird viel zu selten öffentlich diskutiert", berichtet die ehemalige Journalistin. Die Reaktion der Polizei auf Kindesentführungen seien zudem, so Dantas vom ICMEC, sehr unterschiedlich – je nachdem, wie die Beamten geschult seien und welche Abteilungen die jeweilige Polizeistation habe: "Die Angehörigen sind dem Wohlwollen der Beamten ausgeliefert." Die meisten Polizisten müssten bei jedem Verbrechen – vom Taschendiebstahl bis zum Mord – ermitteln. Eine Kindesentführung würde dabei eben nicht den Stellenwert eines Mordfalls haben, so Dantas.

Dabei liefen in einzelnen Bundesstaaten Projekte, die weltweit angesehen seien: "In Paraná gibt es ausgezeichnete Präventionsprojekte und ausgebildete Polizeibeamte, die sich nur auf Kindesentführungen spezialisiert haben", sagt Dantas. Oder Rio de Janeiro: Hier habe die Staatsanwaltschaft eine Methode eingeführt, bei der die DNA der vermissten Kinder durch sämtliche polizeilichen Datenbanken geschickt wird. "Diese Maßnahmen gibt es aber nicht bundesweit", kritisiert sie.

Fehlende Hilfe für Angehörige

Vernachlässigt werden aber nicht nur teilweise die Ermittlungen bei Entführungsfällen, sondern auch die psychologischen Hilfen für Angehörige – vor allem für Geschwister, die oftmals Zeugen der Entführung sind. Psychologe Gilberto Fernandes Da Silva arbeitet im Projekt PortalKids mit betroffenen Müttern und Geschwistern. In Einzel- und Gruppentherapien versuche er, die Mütter aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu begleiten und die Familien emotional wieder zusammenzuführen: "Die Mütter fokussieren oftmals auf das Kind, das verschwunden ist, und vernachlässigen so ihren Partner, sich selbst und ihre restlichen Kinder", erzählt er. Gleichzeitig würden sie aber die Geschwister des Verschwundenen beschützen wollen: "Diese Kinder wachsen aus Sorge der Eltern oft wie Gefangene auf."

Das erzählt auch der 16-jährige Nicolas, dessen Schwester vor 14 Jahren entführt worden ist. Er war damals zwei Jahre alt und kann sich an seine zu der Zeit neunjährige Schwester nicht mehr erinnern. Wie sich später herausstellte, wurde sie entführt, ermordet und verbrannt. Zwei Verdächtige wurden wieder freigelassen. Das erste Mal, dass Nicolas das elterliche Haus alleine verlassen durfte, war mit 14 Jahren. Auf Partys geht er mit seinen Freunden noch immer nicht: "Ich will meiner Mutter keine Sorgen machen." Mit 18 Jahren will er sich zur Marine melden.

Damit sich in Sachen Kindesentführungen bei der Ermittlung und der Hilfe für die Angehörigen etwas verbessert, brauche es zuerst mehr Forschung, meint Katia Dantas. Und ein größeres Engagement seitens der nationalen Behörden. "Der Staat hat die Tragödie noch nicht wirklich realisiert." (Bianca Blei, 23.8.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Brasilien erfolgte mit Förderung durch die Dreikönigsaktion, das Hilfswerk der katholischen Jungschar, das das Projekt PortalKids unterstützt.

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