US-Wahlkampf 2016 fast ohne Gott

2. August 2016, 07:00
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Im Wettlauf ums Weiße Haus spielt die Religion diesmal kaum eine Rolle. Das liegt an den Kandidaten selbst, aber auch daran, dass die USA immer säkularer werden.

Donald Trump und Hillary Clinton haben wenig gemeinsam. Das ist wohlbekannt und seit den Nominierungsparteitagen der Republikaner und Demokraten auch offiziell. Eines verbindet die beiden ungleichen Kandidaten allerdings doch: Sie halten es eher vage mit der Religion.

Und so ist Religion in diesem Wahlkampf auch weitgehend abwesend – ebenso wie die dazugehörigen Themen, die sonst zuverlässig die Gemüter erhitzen, von Abtreibung bis zur Schwulenehe. Das ist erstaunlich, denn Amerika ist – bei einem streng säkularen Staatswesen – ein tief religiöses Land.

Methodistin Clinton

Hillary Clinton gibt zwar gern persönliche Glaubensbekenntnisse ab – sie ist Methodistin und betont: "Meine Familie und mein Glaube hat mich gelehrt, so viel Gutes auf so vielen Wegen für so viele Menschen zu tun wie nur eben möglich." Das klingt artig, das klingt einstudiert, das klingt lauwarm – und angesichts des seit Jahrzehnten wohlbekannten politischen Stils der Clintons, jener Mischung aus kaltem Karrierestreben und knallhartem Kalkül, auch ziemlich bigott.

Um Donald Trumps religiöse Referenzen ist es noch schlimmer bestellt. Dreimal war er verheiratet, und seine zahlreichen Affären ebenso wie seinen Ruf als Playboy trägt er wie einen testosteronprallen Orden. Auch seine inhaltlichen Positionen hat er mehrfach gewechselt: Mal war er für, mal gegen das Recht auf Abtreibung, mal für die Schwulenehe und mal dagegen. Jedenfalls ist er kaum ein Kandidat, der zum moralischen Musterschüler taugt.

Trump, der Sünder

Und dennoch wählten sie ihn – die Mehrheit der religiösen Rechten, die eine starke Stimme in der Republikanischen Partei haben. Gottesfürchtige Kandidaten wie Ted Cruz oder Marco Rubio mussten abgeschlagen das Feld verlassen; Trump, der laute, vulgäre, schillernde Sünder, räumte dagegen bei den Vorwahlen kräftig ab.

Konservative Christen rechtfertigen ihr Votum ganz unterschiedlich. Einige loben, völlig ironiefrei, Trumps "Familiensinn"; andere geben freimütig zu, Trump aus pragmatischen Gründen zu unterstützen. "Ich will den fiesesten, den härtesten Typen im Weißen Haus sehen", sagte der Baptistenpfarrer und Fernsehprediger Robert Jeffress. Einen wie Trump, der verspricht, "Amerika wieder groß zu machen" – und zwar das weiße, das christlich geprägte Amerika.

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Baptistenpfarrer und Fernsehprediger Robert Jeffress preist Trump.

Rückzug der Religion

Damit beschreibt Jeffress eine Angst, die viele Gläubige umtreibt: die Angst vor der Marginalisierung. Darin liegt auch der tiefere Grund für den Rückzug der Religion aus der Politik: Die USA werden säkularer. Nach einer Studie des Pew- Forschungsinstituts ist die Zahl der Amerikaner, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, seit 2007 von 16 auf 25 Prozent angestiegen.

Dennoch: Fragen der Religion werfen immer wieder Debatten auf – wenn nicht im Wahlkampf, dann anderswo. In North Carolina verpflichtet das "Toilettengesetz" Transsexuelle, nur öffentliche Einrichtungen zu benutzen, die für das in ihrer Geburtsurkunde genannte Geschlecht ausgewiesen sind. Daraufhin legten Unternehmen wie die Deutsche Bank und der Finanzdienstleister Pay Pal geplante Investitionen in dem Bundesstaat auf Eis.

Geschäft vor Glauben

In anderen Staaten des frommen Bibelgürtels erlauben Gesetze öffentlichen Institutionen und Privatunternehmen, Menschen aus religiösen Gründen eine Dienstleistung zu verweigern. Betroffen sind vor allem Homosexuelle. In Georgia wollte Gouverneur Nathan Deal erst gar keinen Aufruhr riskieren und blockierte ein solches Gesetz zur vermeintlichen Religionsfreiheit mit seinem Veto. In dem Südstaat sind viele Weltfirmen angesiedelt, darunter Delta Airlines, der Expressdienstleister UPS sowie die deutschen Autobauer Porsche und Mercedes.

Deal gilt als strammer Republikaner und konservativer Christ, doch für ihn wie für immer mehr Amerikaner steht das Geschäft vor dem Glauben. Und auch deshalb will er im November Donald Trump seine Stimme geben. Gott mag es ihm verzeihen. (2.8.2016)

  • Katja Ridderbusch ist freie Journalistin in Atlanta im tiefen Süden der USA. Sie berichtet für deutsche und amerikanische Tageszeitungen, Magazine und Radiostationen, vor allem über Gesundheitspolitik. Sie twittert unter @K_Ridderbusch

    Katja Ridderbusch ist freie Journalistin in Atlanta im tiefen Süden der USA. Sie berichtet für deutsche und amerikanische Tageszeitungen, Magazine und Radiostationen, vor allem über Gesundheitspolitik. Sie twittert unter @K_Ridderbusch

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