Körperverletzungsprozess: Der Türsteher und die empfindlichen Polizisten

1. August 2016, 13:39
172 Postings

Ein 40-jähriger Security-Mitarbeiter soll bei einer privaten Polizeiveranstaltung vier Beamte verletzt haben. Er leugnet und verweist auf Videos

Wien – Fast täglich gibt es im Wiener Straflandesgericht Verhandlungen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Manche Polizisten verstehen recht wenig Spaß, wenn man ihren Anweisungen nicht folgt. Dass es umgekehrt manchmal anders ist, zeigt der Prozess gegen Marcin W., der sich vor Richter Stefan Romstorfer wegen Körperverletzung verantworten muss.

W. war 2015 Security-Mitarbeiter im Wiener Lokal Bettelalm. Und als solcher am 9. April bei einer geschlossenen Veranstaltung namens Blaulicht im Einsatz. Wie der Name vermuten lässt, feierten damals angehende und fertig ausgebildete Polizistinnen und Polizisten.

Unter Alkoholeinfluss scheint der Korpsgeist nachzulassen, jedenfalls ist unbestritten, dass es zwischen zwei Gruppen zum Streit gekommen ist. "Ich wurde verständigt, bin dann hin", erzählt der 40-jährige Angeklagte.

Security-Pullover zerrissen

Der Geschäftsführer forderte ihn auf, eine der beiden Parteien aus dem Lokal zu eskortieren. Die Polizisten wollten nicht, es gab heftige Wortgefechte. Eine junge Beamtin goutierte das überhaupt nicht, es kam zu wechselseitigen Beschimpfungen. "Sie hat mir dann den Pullover zerrissen, ich habe ihr einen Stoß gegeben, sie ist hingefallen", beschreibt der Angeklagte.

Mit Kollegen eskortierte er die Gruppe schließlich doch hinaus. Dass ihm die Frau auf der Stiege eine Ohrfeige verpasst hat, wie auf einem Foto festgehalten ist, hat der Türsteher gar nicht bemerkt.

"Oben hat der Alwin (ein weiterer Türsteher, Anm.) die Dame dann ziemlich aus der Tür geschossen", erinnert sich der Angeklagte. "Sie ist draußen gegen einen anderen geprallt, dabei muss sie sich verletzt haben. Daraufhin wurde die Gruppe extrem haaß, einer schlug mit der Faust auf einen anderen Kollegen ein. Daraufhin fetzte der Alwin in die Menge." – "Was meinen Sie damit?", fragt Romstorfer. "Er hat mehrmals mit der Faust hineingeschlagen."

Ähnlichkeit mit zweitem Türsteher

W.s Atout: Es gibt auch das Video einer Überwachungskamera. Das laut seiner Aussage tendenziell eher seine Version bestätigt. Und: Bei einer ersten Verhandlung des Vorfalls beim Bezirksgericht hat der Richter extra im Protokoll eine starke Ähnlichkeit zwischen W. und "Alwin" vermerkt. Weniger vorteilhaft sind dagegen seine vier, zum Teil einschlägigen, Vorstrafen.

Die vier verletzten Polizisten beschreiben ihn dagegen quasi als Berserker. Mindestens fünf Minuten soll er demnach im und vor dem Lokal Faustschläge verteilt haben. Andererseits: Recht heftig können diese auch nicht gewesen sein. Denn die Attacken des bulligen Angeklagten hatten nur Prellungen und eine blutende Lippe zur Folge.

Was Romstorfer auffällt: Die Beamten, alle in ihren Zwanzigern, haben dennoch dezidiert nach einem Rettungstransport ins Spital verlangt. "Da musste sogar extra ein zweiter Wagen kommen", hält Romstorfer den Zeugen vor. "Und Ihre eigenen Kollegen, die das aufgenommen haben, haben sogar einen Aktenvermerk gemacht, dass Sie problemlos selbst hinfahren hätten können." Die Antworten sind ausweichend.

Sehr selektive Erinnerung

Wie überhaupt die Versionen der Polizisten teils unterschiedlich sind. Was am damaligen Alkoholkonsum liegen mag. Aber alle sind felsenfest davon überzeugt, dass der Angeklagte und nicht sein Kollege der Angreifer gewesen ist.

Im Fall der jungen Frau fällt auf, dass sie sich zwar nicht erinnern kann, was im Keller vorgefallen ist, und ebenso die Ohrfeige auf der Stiege vergessen hat. Aber dass ihr W. zwei Faustschläge ins Gesicht verpasst hat, was Prellungen und ein geplatztes Äderchen in Auge und auf der Nase zur Folge hatte, weiß sie sicher.

Wie auch die anderen weist der ohne Verteidiger erschienene Angeklagte sie darauf hin, dass das Video das widerlege und er eine Gegenanzeige einbringen werde. Richter Romstorfer hat dabei die Gelegenheit, seine gute Kinderstube zu demonstrieren.

Du-Wort wegen Zahnreparatur

Der Angeklagte spricht die Zeugin zunächst nämlich konsequent mit "Du" an, der Richter fordert ihn auf, "Sie" zu sagen. Und verbessert ihn daraufhin ungefähr siebenmal. "Entschuldigung, ich lasse mir gerade die Zähne machen, daher habe ich Schwierigkeiten mit dem Siezen", lautet danach die überraschende Entschuldigung.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, vertagt Romstorfer für weitere Zeugen auf September, dann soll auch das Überwachungsvideo vorgeführt werden. (Michael Möseneder, 1.8.2016)

Share if you care.