"balbulum HALLELUJA": Mit Gott als klarer Arbeitshypothese

31. Juli 2016, 20:42
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Uraufführung von Péter Eötvös' Oratorium in Salzburg

Salzburg – Der Engel ist ein alter Saufkumpan von Friedrich Nietzsche. Sonst ist er auch nicht der Feinste: Den Chor fordert er zwar zum Halleluja-Weitersingen auf, aber nur, weil ihm geistloses Geschwätz noch mehr auf die Nerven geht als kritikloser Jubel. Trotz der vielen Halleluja-Zitate behauptet der Engel, das Halleluja könne nicht vertont werden. Immerhin leugnet er Gott nicht: "Gott ist unsere Arbeitshypothese."

Die Propheten sind die wilden Hunde des Alten Testaments, widerborstig und unbequem – dem Volk wie dem Herrgott. Der Prophet in Péter Eötvös' Oratorium versteckt sich zwar nicht im Bauch eines Wales, dafür stottert er ganz jämmerlich: "W-w-wenn es die Z-Z-Zeit gibt, d-d-dann gi-gi-gibt es auch die Z-Z-Zukunft." Eh klar. Zungentechnisch bevorzugt begabt war schon im Mittelalter der Dichter und Mönch Notker von Sankt Gallen, das Vorbild für den stammelnden Propheten im Oratorium balbulum HALLELUJA.

Der Sprecher (Peter Simonischek) ist ein Schwätzer: "Die Musik, die bin ich nicht. Ach, wie schade. Ich bin meine Geschwätzigkeit. Hier darf jeder jeden Satz jederzeit wiederholen." Ein "Libretto" ist nicht selten ein literarisch anrüchiger Vorwand zum Singen. Im Falle von balbulum HALLELUJA von Péter Eötvös auf einen Text des jüngst verstorbenen Péter Esterházy sind Text und Musik zwei Seiten einer Medaille. Geschliffene "Satz-Kunst" auf beiden Seiten ergibt ein ebenso boshaftes wie nachdenklich stimmendes Gesamtkunstwerk. Das tatsächlich vertonte Libretto umfasse, so Eötvös, nur einen Bruchteil des geschriebenen Textes. Komponist und Librettist haben den Text noch gemeinsam destilliert zu einem abgründigen Dramolett. Die Wiener Philharmoniker (Leitung: Daniel Harding) haben die vier Fragmente für Mezzosopran, Tenor, Sprecher, Chor und Orchester im Großen Festspielhaus aus der Taufe gehoben.

Die Mezzosopranistin Iris Vermillion sang bei der Uraufführung den Engel, Tenor Topi Lehtipuu gab virtuos den stammelnden Propheten. Die Halleluja-Einwürfe des Chor des Ungarischen Rundfunks zeugten von viel Gespür für die verschiedenen Epochen sakraler Vokalkunst. Die Wiener Philharmoniker haben die sparsam instrumentierten "Kommentare" des Komponisten zum Text geradezu hingetupft: So als wollte man den Text nur ja nicht einer seiner Nuancen berauben. (Heidemarie Klabacher, 31.7.2016)

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