Eine steife Brise an der Leithagrenze

31. Juli 2016, 14:00
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Ein geplanter Windpark im niederösterreichischen Au sorgt für Missklang an der Leithagrenze. Die burgenländischen Nachbargemeinden Leithaprodersdorf und Loretto rufen deshalb den Verfassungsgerichtshof an.

Leithaprodersdorf – An den klaren Tagen, wenn der steife Nordwest die Luft putzt, sieht man von hier bis Wien und, stünde nicht der Braunsberg im Weg, bis Bratislava. Und man sieht den Windpark im nahen Seiberdorf und den in Hof und hinter diesem das Mannersdorfer Zementwerk und hinter dem dann, schemenhaft an den meisten Tagen, den Windradwald bei Bruck an der Leitha.

Weit schweift der Blick von der "Pfefferbüchsel" genannten Bergkirche in Leithaprodersdorf ins niederösterreichische Wiener Becken. Nur da und dort findet das Auge Halt. Demnächst sollen aber weitere Blickfänge dazukommen: fünf 200-Meter-Windräder im niederösterreichischen Au am Leithagebirge, direkt an der Grenze.

Die sorgen seit Monaten für Gesprächs-, um nicht zu sagen: Zündstoff. Die burgenländischen Nachbargemeinden – Leithprodersdorf und der Wallfahrtsort Loretto – sind nämlich so sehr nicht amused über die Pläne des niederösterreichischen Energieversorgers EVN, dass sie den Streit darum bis zum Verfassungsgerichtshof getragen haben. Der wird – gebremst durch präsidentielle Wahlbrösel – bis Oktober entscheiden, ob bei der bis zum Verwaltungsgerichtshof abgesegneten Baubewilligungen alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Zweifellos entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Burgenländer – hier produzieren 422 Windräder 130 Prozent dessen, was an Strom verbraucht wird – den Nachbarn die Windkraft nicht gönnen wollen.

Hermann Frühstück, seit 2015 pensionierter Umweltanwalt des Burgenlandes und deshalb auch nicht bloß als Leithaprodersdorfer am Wort, will aber das Grundsätzliche der Angelegenheit endlich erörtert wissen. "Niederösterreich wird demnächst 100 Prozent seines Strombedarfs aus Windkraft erzeugen. Nun gilt es abzuwägen, welches Interesse mehr wiegt: Landschaftsschutz oder Energieversorgung."

Er selbst habe in seiner aktiven Zeit mit dieser Abwägung einen Plan für einen nahen burgenländischen Windpark auf Eis legen können. Dabei mag es hilfreich gewesen sein, dass der Betreiber mitten in der Eisenstädter Pforte, "dem historischen Eingangstor ins Burgenland", ein Privater, nicht die landeseigene Energie Burgenland gewesen wäre.

Keine Parteienstellung

Frühstück, seinen Bürgermeister Martin Radatz (ÖVP), dessen Parteifreund und Kollege aus Loretto, selbst die Patres der lauretanischen Basilika stört, dass ihre Einwände nicht einmal behandelt worden seien im Genehmigungsverfahren. Keine Parteienstellung habe man gehabt, obwohl der vorgeschriebene Abstand zum bebauten Gebiet unterschritten worden sei und die Rotorblätter auch über die Grenze herüberstreiften. "An der ungarischen Grenze hätte es so was nicht geben können, da gibt es EU-Richtlinien."

Das Recht, in einem ordentlichen Verfahren angehört zu werden, wollen Leithaprodersdorf und Loretto nun vor dem Verfassungsgerichtshof erstreiten. Stefan Zach, Sprecher der EVN, sieht alle Verfahrensregeln befolgt. Und auch er verweist aufs Grundsätzliche: "Ob das Landschaftsbild beeinträchtigt wird, ist eine subjektive Einschätzung." (Wolfgang Weisgram, 31.7.2016)

  • Das Burgenland erzeugt 130 Prozent seines Strombedarfs durch Windkraft, Niederösterreich ist bald bei 100. Und nun stellt sich auch Frage der Güterabwägung: Ökostrom oder unversehrte Landschaft?
    foto: robert jaeger

    Das Burgenland erzeugt 130 Prozent seines Strombedarfs durch Windkraft, Niederösterreich ist bald bei 100. Und nun stellt sich auch Frage der Güterabwägung: Ökostrom oder unversehrte Landschaft?

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