ÖBB-Chef: "Sehe keine Käuferschlangen für den Güterverkehr"

Interview30. Juli 2016, 09:08
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Fußball und Bundesbahn haben einiges gemeinsam, sagt Andreas Matthä. Der neue ÖBB-General über Herausforderungen für sein Güterverkehrsteam

STANDARD: Sind Sie ein Fußballfan?

Matthä: Kein ausgeprägter.

STANDARD: Welche ist Ihre Lieblingsmannschaft in der Bundesliga?

Matthä: Früher einmal war es Wacker Innsbruck, dann Rapid.

STANDARD: Wird die ÖBB jetzt Rapid sponsern?

Matthä: Nein, wir haben eine sehr gute Sponsoringpartnerschaft mit dem Österreichischen Fußballbund ...

STANDARD: Aber die Jugend der Wiener Austria trägt doch auch ÖBB-Logos auf den Shirts ...

Matthä: Das stimmt. Wir unterstützen die Nachwuchsmannschaft. Jugendförderung ist uns unabhängig vom Fußball ein wichtiges Anliegen. Wenn man etwas dazu beitragen kann, dass junge Menschen eine sinnvolle Beschäftigung haben, unterstützen wir gerne. Aber zurück zum Fußball: Faszinierend daran ist, dass es ein Teamsport ist. Das ist mit der ÖBB durchaus vergleichbar: Es gibt eine Service- und Supportmannschaft, einen Cheftrainer und Spieler, die eine bestimmte Position einnehmen und nach Taktik spielen. Gewinnen können sie nur im Team.

STANDARD: Und einen Vorstand, der aufs Geld schaut ...

Matthä: (lacht) Das gehört auch dazu. Unendlich viel kann man sich nicht leisten. Aber wenn es in Summe passt, kann man mit einer Fußballmannschaft sehr weit kommen.

STANDARD: Sehen Sie sich eher als Trainer oder als Vorstand?

Matthä: Um in der Metapher des Fußballs zu bleiben und die gesellschaftsrechtliche Funktion ausblendend, sehe ich mich schon eher als Cheftrainer. Der legt letztlich ja die Strategie fest, wo wollen wir hin, er stellt das Team zusammen und legt die Taktik für die einzelnen Spieler fest – und er freut sich dann, wenn es gut läuft. Oder er ärgert sich.

STANDARD:: Sie haben, abgesehen von den Baustellen auf Bahnhöfen, Strecken und Tunnels auch jede Menge andere Baustellen. Haben Sie schon alle gesichtet, und wo werden Sie ansetzen?

Matthä: Es wird Sie nicht überraschen, dass ich die Strategie nicht radikal ändern werde. Ich war acht Jahre lang Teil des Managementteams. Der Güterverkehr mit europaweit extrem harten Wettbewerb hat natürlich Priorität. Aufgrund der Energiepreissituation, der Zunahme im Straßengütertransport und der allgemein angespannten Wirtschaftslage steht der Schienengüterverkehr unter enormem Druck. Österreichs geografische Lage bietet jedoch viele Vorteile. Sie ist, wenn Sie so wollen, wie ein Herz, das Warenströme durch Europa pumpt. Mit Gesamtlogistiklösungen wie von der Türkei, Bulgarien, Rumänien und, ganz wichtig, vom Hafen Koper aus, wollen wir die Internationalisierung weiter vorantreiben. Die Wirtschaftsströme aus Polen, Russland und Tschechien Richtung Italien sind für die Geschäftsentwicklung auch relevant. Hier müssen wir uns gut positionieren.

STANDARD: Wollen Sie das in Eigentraktion machen wie auf der verlängerten Donauachse bis Duisburg? Kann sich das die Rail Cargo Austria (RCA) denn leisten? Die Partnerbahnen im Ausland fühlen sich dadurch oft düpiert, und dann steht die Mühle wie seinerzeit in Italien. Dort war dann verbrannte Erde, RCA baute Millionenverluste.

Matthä: Der Vorteil von verbrannter Erde ist: Wenn man sie einmal umackert, wächst wieder sehr viel. Das ist auch in Italien so, wo es jetzt wieder gut läuft. Der Vorteil von Eigentraktion ist, dass wir unseren Kunden bessere, maßgeschneiderte Dienstleistungen bieten können. Ich schätze Kooperationen, aber dazu gehört auch Handschlagqualität.

STANDARD: Sie haben ein EU-Kartellverfahren auf der Weststrecke geerbt, die Republik hat ein EU-Vertragsverletzungsverfahren wegen fehlender Transparenz bei öffentlichen Geldflüssen zur ÖBB. Die massive Zentralisierung der ÖBB in den letzten Jahren ist diesbezüglich eine ideale Angriffsfläche. Werden Sie die erhalten?

Matthä: Wir haben alle notwendigen rechtlichen Einheiten getrennt, und alle finanziellen Transaktionen sind in Trennungsrechnungen nachvollziehbar. Gewisse Zentraleinheiten wie Einkauf und Lohnverrechnung sind aber sinnvoll. Aber dort, wo das Geschäft ist, soll es auch gemanagt werden. Das passiert auch im Absatzbereich – sonst wären wir ja nicht beim Fußballbild, sondern im Tennis.

STANDARD: Weil wir gerade beim Geld sind: Haben Sie schon eine Zusage für die 50 Millionen Euro, die Ihr Vorgänger beim Verkehrsminister als Bedarf im Güterverkehr angemeldet hat?

Matthä: Die 50 Millionen müssen wir uns selbst erarbeiten.

STANDARD: Wie und wo?

Matthä: Wir fahren Kostensenkungsprogramme und müssen unsere Hausaufgaben machen. Und wir müssen eine Vertriebsoffensive starten, wir haben ja gute Leute und Vorteile mit unserer Verbundproduktion. Wir müssen noch näher zu unsere Kunden gehen.

STANDARD: Die Rail Cargo bräuchte eine Kapitalerhöhung, bekommt aber keine. Die ÖVP will stattdessen einen Partner für den ÖBBGüterverkehr. Gibt es jemanden, der sich für RCA interessiert?

Matthä: Also, ich sehe keine Käuferschlangen. Wir sind die drittgrößte Güterbahn in Europa, und die Mitbewerber stehen selbst stark unter Druck. Wir haben eine solide Position, und aus der heraus müssen wir die Internationalisierung weiter vorantreiben, nicht flächendeckend, aber entlang der Hauptachsen.

STANDARD: Ihre Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer sagt, Ihr Nachfolger in der ÖBB-Infra sollte Spezialist für öffentliche Finanzierung sein. Ein solcher sind ja eh Sie. Braucht es zwei?

Matthä: (lacht) Ich habe jetzt aber eine andere Rolle.

STANDARD: Ihr Vorgänger hat den Holding-General sehr operativ angelegt. Haben Sie das auch vor?

Matthä: Ich habe nicht vor, ein Achtfach- oder Neunfachvorstand zu sein. Ich glaube, es gibt Tag für Tag viele operative Aufgabestellungen in den Teilkonzernen. Es ist wichtig zu wissen, wie öffentliche Finanzierung und Refinanzierung funktionieren. Infrastruktur ist wichtig in unserer Volkswirtschaft, und dazu gehört auch das Wissen, wie sich Bevölkerung und Industrie entwickeln und welchen Einfluss das auf Verkehr und Infrastruktur hat. Das ist ein zentraler Punkt für die Vorstandsposition, die jetzt vakant ist. (Luise Ungerboeck, 31.7.2016)

Andreas Matthä (52) ist seit 4. Juli Generaldirektor der ÖBB-Holding und Nachfolger des jetzigen Bundeskanzlers Christian Kern (SPÖ). Der Bauingenieur und Betriebswirt ist seit 1982 in der ÖBB, zuletzt als Chef des Teilkonzerns ÖBB-Infrastruktur.

  • Hat auch abseits des Bahnausbaus viele Baustellen im Konzern: ÖBB-Chef Andreas Matthä
    andy urban

    Hat auch abseits des Bahnausbaus viele Baustellen im Konzern: ÖBB-Chef Andreas Matthä

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