Julya Rabinowich: Geburtsrechthaberei und andere Unsittlichkeiten

29. Juli 2016, 17:00
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Interessantes Innenleben für besorgte Bürger

Als ich mit dem Schreiben begann, ahnte ich nicht, dass aus der ursprünglich begehrten Innensicht ein völlig überwältigendes Außenpanorama werden würde. Man schreibt, analysiert ein wenig vor sich hin, jagt einer Idee nach, grazil wie eine junge Gazelle oder wie man eben dieses hübsche graue Rüsseltier halt üblicherweise noch nennt.

Und plötzlich ist er da, der Abgrund des Anderen. Das äußert sich erst in Anrufen von Bekannten, die von besorgt bis begeistert changieren. Das Leben ist nicht schwarz-weiß und bietet auch mehr als fifty shades of grey.

Aber sobald man eine gewisse Reichweite erlangt, begeistern und besorgen sich völlig Unbekannte gleich mit. Vor allem die Besorgten sorgen für originellen Schriftverkehr.

Eigentlich kann ich diese Beiträge besorgter Bürger (kurz BBB genannt) bald zu einem eigenen Werk umarbeiten. Als endloser Strom von Monologen, die in ihrer Ähnlichkeit einer Schwarmintelligenz entsprechen, halt eines sehr besorgten Schwarmes, der zu hochgradiger Denkbehäbigkeit neigt. Insgesamt lässt sich sagen: Je mehr ich mich für das österreichische Innenleben interessiere, desto interessanter wird mein eigenes.

Die meisten Beiträge, die den BB offenbar furchtbar gegen den Strich des als autochthon eingeschätzten Felles gingen, wurden mit dem empörten Hinweis versehen, dass es sich bei den Beschwerdeführenden um Eingeborene handle. Das legitimierte sowohl einen rüden Ton als auch eine aus diesem Geburtsrecht gezogene Überlegenheitgefühlslage.

Was ich mir anmaßen würde. Ich, eine Russin! Die besten Beiträge besorgter Bürger (BBBB) schlossen mit der Information, dass man im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft sei. Auf meinen Einwand, selbst eine solche zu besitzen, reagierten manche mit Einlenken. Einer entschuldigte sich sogar, mich eine Russin genannt zu haben. Ist kein Problem, ihr könnt mich auch Europäerin, Wienerin, Mensch nennen. Tiernamen mag ich allerdings nicht so gerne. (Julya Rabinowich, 29.7.2016)

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