"Die dritte Brücke": Gefühlskalte Stadt des Sonnenscheins

2. August 2016, 12:30
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László Szilasi zeigt das pittoreske Szeged von seiner schmutzigen, übelriechenden Seite – und seziert quasi im Vorbeigehen die moderne ungarische Gesellschaft

Es stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Ließ sich nicht verleugnen, war unmissverständlich. Dabei war zu sehen (....), dass sie sich redlich anstrengten, von uns zu denken, was sie in solch einer Situation politisch korrekt denken mussten (...). Darunter jedoch grummelte und gärte die mittlere Gehaltsklasse in ihnen, die ewig ist (...)."

Nirgendwo ist das Leben für Obdachlose leicht, aber – das wird im Verlauf dieser Geschichte drastisch geschildert – besonders schwer ist es im heutigen Ungarn, das voll ist von Menschen, die sich abmühen und fleißig sind, die "Aktiven und Bewussten", wie es an dieser Stelle heißt, die angesichts einer Ansammlung von Obdachlosen um einen öffentlichen Brunnen nicht umhinkämen zu denken, "dass all dieses Elend, das sie jetzt hier um sich herum gezwungen waren zu sehen, um ehrlich zu sein, doch das vollkommene Fehlen von Fleiß sei".

Das mit dem Fleiß ist freilich relativ: Die Protagonisten in Die dritte Brücke, genannt Roboter, Noszta, Angel, die Droll, Opa Fondue, Mars und Anna, sind, gezwungenermaßen, alles andere als faul, um auf dem harten Pflaster von Szeged zu überleben. Ihre Namen sind Kunst, wie ihre – teils selbsterfundenen – Biografien, ihre Sicht auf die Welt und ihr tägliches Überleben. Sie sind Gestrandete am Zusammenfluss von Theiß und Mieresch in der südungarischen Stadt Szeged, der drittgrößten Ungarns, auch wegen statistisch über 2000 Sonnenstunden pro Jahr "Stadt des Sonnenscheins" genannt.

Nun wäre es übertrieben zu behaupten, dass für die Gruppe unter der Führung von Roboter die Sonne niemals scheine. Das tut sie, es gibt Momente der Zufriedenheit, der Lässigkeit und des Ausruhens – aber zumeist ist es Stress, Angst vor Gewalt und Vertreibung, Ablehnung und die ruhelose, andauernde Bewegung, zu der vor allem Roboter immer antreibt. Er, der in einem früheren, bürgerlichen, Leben Peter Foghorn hieß und ein begnadeter Musiker ist, hält die Truppe zusammen. Er umkreist sie wie ein Hüterhund seine Herde, treibt sie immer weiter, weil er weiß, dass jeder Stillstand das Absinken und letztlich Versinken in noch größeres Elend und Tod bedeutete.

Düsteres Geheimnis

Der Autor des Buches, der Literaturhistoriker László Szilasi, hat diesen Foghorn mit einem düsteren Geheimnis umgeben, er trägt die Geschichte und bestimmt die Rahmenhandlung, wird plastisch durch die Erzählungen von Noszta, dem zurückgekehrten und gescheiterten Amerika-Auswanderer, der am Ende als (scheinbar) einziger einen Weg aus der Gosse findet. Gespiegelt werden die Schicksale in den Gedanken des Zuhörers Deni, dem Noszta bei einem Klassentreffen die Geschichte von Leben und Tod des gemeinsamen Jugendfreundes Peter Foghorn, des Roboters, erzählt.

Deni war ein in Deutschland mehr oder weniger erfolgreicher Ermittler, auch er ist zurückgekehrt und taucht in diese besoffene Feier seiner ehemaligen Schulklasse ein, als käme er von außen. In Wirklichkeit ist er tiefer in Nosztas und Roboters Geschichte verstrickt, als es zunächst den Anschein hat – logisch, dass da knapp vor Schluss noch ein paar Tote auftauchen.

So gerät die Zustandsbeschreibung der ungarischen Gesellschaft quasi im Vorbeigehen noch zum Thriller, der sich gut ins Gesamtgeschehen fügt. Autor Szilasi geht es um mehr, und er ist mit seiner wuchtig-plastischen Sprache in der Lage, dies zu verdeutlichen. Er kennt Szeged wie seine Westentasche, er hat hier studiert und lehrt an der Universität.

Kühler Blick, präziser Schnitt

Wenn Szilasi die fast kultisch-schönen Schauplätze, das schattige Theißufer, die alte Franziskanerkirche, den Domplatz und die sorgfältig gepflasterten Straßen und Gassen der Innenstadt beschreibt, tut er dies mit dem kühlen Blick eines Chirurgen, der weiß, dass er nur einen präzisen Schnitt setzen muss. Dann quillt aus der glänzenden Oberfläche all das Eitrige, Übelriechende, Geschwürige heraus, das die modernen Gesellschaften so unmenschlich erscheinen lässt: "Die gefühlskalte Stadt erwachte. Über der Theiß zwischen den Kirchtürmen blendete uns die grelle Morgensonne."

Gefühlskälte, verbunden mit Macht, trägt im Roman den Namen Gabor Barták, auch genannt die "Schwarte". Er ist ein mächtiger Beamter, der mit großem Gleichmut Leben und Gruppe zerstört. Seine Beschreibung lässt keine Zweifel offen: "Die Ambitionen Bartáks waren nicht allzu kompliziert: Er wollte Geld." Er ist ein Spießer, und er ist gefährlich, weil er völlig skrupellos ist und leidenschaftslos immer zum eigenen Vorteil agiert. So erhebt er sich als Herr über die Obdachlosen.

In einem Interview mit dem Magazin HVG, anlässlich der deutschen Übersetzung im Herbst 2015, benannte Autor Szilasi Obdachlosigkeit und Migration als die zwei Schlüsselmotive seines Romans: "Es gab einige schöne, starke Jahre nach 1989, etwa wie zwischen 1945 und 1948. Dann kam das traditionelle, tief ungarische, reaktionäre Gejammer zurück. Wir leben in einem erschreckenden Land."

Aufgrund ihrer Sozialisierung im Sozialismus schätzten die Ungarn Sicherheit wesentlich höher ein als Freiheit, sagt Szilasi: "Die Macht pocht auf die scheinbare Sicherheit und schielt darauf, dass die Staatsbürger den Fremden, das Fremde hassen." Die Machtelite greife Probleme entweder nicht oder falsch an. Szilasi mutmaßt, das liege daran, dass die Elite keine Literatur lese. Täte sie dies, müsste sie einsehen, dass es keinen Sinn mache, Obdachlose auszuschließen oder Migranten nicht einzulassen. "Der Versuch, diese Menschen unsichtbar zu machen, ist vergebens: Wenn sie verschwinden, werden sie eben durch ihre Abwesenheit präsent sein."

Treffender kann man den momentanen Zustand der ungarischen Politik und Gesellschaft eigentlich kaum beschreiben. (Petra Stuiber, 30.7.2016)

  • László Szilasi,  "Die dritte Brücke". Aus dem Ungarischen von  Eva Zador.  € 22,- / 365 Seiten. Nischen-Verlag, Wien 2015
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    László Szilasi, "Die dritte Brücke". Aus dem Ungarischen von Eva Zador. € 22,- / 365 Seiten. Nischen-Verlag, Wien 2015

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