Dekadenz: Die Zukunft in der Vergangenheit

31. Juli 2016, 15:00
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Geht es mit der westlichen Kultur zu Ende? Wird sie von anderen Kulturen überrollt, etwa von der islamischen Völkerwanderung oder der chinesischen Kultur? Wie sich heute mit dem Dekadenz-Narrativ bare Münze schlagen lässt

Michel Houellebecq ist kein großer Stilist, aber ein raffinierter Komponist von hintersinnigen Geschichten. In seinem Roman Die Unterwerfung schildert er in boshafter Verfremdung das gegenwärtige Frankreich in der politisch-kulturellen Baisse, das, mit Unterstützung der Linken, am Ende des Buches einen freundlich-konservativen Islamisten zum Präsidenten wählt, was wiederum den Protagonisten des Romans, einen ausgebrannten Professor für französische Dekadenzliteratur, der lieblosen Sex mit seinen Studentinnen betreibt, nicht sonderlich erschüttert, weshalb er sich widerstandslos der neuen Polygamie verschreibt.

foto: epa
Die 70er-Ikone Uschi Obermaier "oben ohne": Für manche auch das schon der Inbegriff an Dekadenz.

Mit diesem Plot ruft der französische Erfolgsautor ein Narrativ ab, das fester Bestandteil der modernen Kultur ist: die Dekadenz, positiv als Ausweis von Raffinesse, negativ als Verderbtheit und Selbstaufgabe, links als Verweis auf den nahenden Untergang des verhassten Bourgeois, rechts als Prophetie vom Untergang des Abendlandes. Oswald Spengler, aber auch Wladimir Lenin und Georg Lukács gaben sich von dem nahenden Zusammenbruch der gegenwärtigen liberalen Kultur überzeugt, die aus solcher Perspektive auch nichts Besseres verdient hat als ihren Untergang. Spengler endete als nationalsozialistischer Mandarin, Lenin als Führer einer kommunistischen Diktatur.

Geht es mit unserer westlichen Kultur zu Ende? Wird sie von anderen Kulturen überrollt, etwa von der islamischen Völkerwanderung oder auch der chinesischen Kultur? Die programmatischen eigenen Feinde, aber auch die fremden, die wie der Islamismus ihre Kultur als rettende Alternative zu westlich-amerikanischer Dekadenz sehen, funktionieren wie Projektionsschirme, die uns Angst machen vor uns selbst und eine Zukunft in der Vergangenheit beschwören. Studiert man die Reden eines Putin, dessen Regime mit dem byzantinischen Mythos spielt, oder Orbán, der auf dem Budapester Heldenplatz angesichts des "islamischen Einfalls" die tausendjährige Geschichte des ungarischen Christentums beschwört, dann sieht man, wie sich heute mit dem Dekadenz-Narrativ bare Münze schlagen lässt.

Was ist Dekadenz? Für den Fachmann der Literaturgeschichte wie Houellebecqs Professor eine programmatische Bewegung, die, Teil der klassischen Moderne, von Baudelaires Blumen des Bösen bis zur Welt der Fellini-Filme mit einer Dekadenz liebäugelt, die das Bürgertum des 18. Jahrhunderts wiederum dem Adel zugeschrieben hat. Diese verfeinerte, verschwenderische "Dekadenz" wird in der Antibürgerlichkeit der literarischen Boheme positiv gegen das Kalkül bürgerlicher Sparsamkeit gewendet.

Rom und Konstantinopel

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum anzunehmen, dass das Jahrhundert der Aufklärung nur das lineare Geschichtsbild des Fortschritts hervorgebracht hat, es hat auch ein zyklisches geboren. Zwischen 1725 und 1744 legte der Gelehrte Giambattista Vico, sein Hauptwerk La nuova scienza vor, die eine Wissenschaft vom Menschen, der von ihm geschaffenen Einrichtungen und vom Ablauf der Geschichte enthält. Vico sieht eine geschichtliche "Vorsehung" am Werk, der zufolge alle Kulturen vier typische Epochen durchlaufen, eine religiöse, eine heroische, eine bürgerliche und eine scheinbar ideale im Sinne der Platon'schen Utopie vom idealen Staat. Aber dann gelangt die jeweilige Kultur an ein geheimnisvolles Ende. Ihre Erschöpfung manifestiert sich Vico zufolge in "falscher Beredsamkeit", Ausschweifungen, Lasterhaftigkeit und "Entartung der Parteikämpfe". Dekadenz ist eine Art von Selbstaufhebung, oder psychoanalytisch gesprochen von kollektivem Todesstrieb. Die daraus entstehende Anarchie – Angst vor dem Chaos – führt zum Autoritarismus einer Monarchie, die die Ordnung wieder herstellt oder aber zur Eroberung durch Fremde – siehe die gegenwärtigen Völkerwanderungsängste in Europa – oder schlimmer – zum Verschwinden der "animalisierten" Kultur.

1776, im Jahre der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, erschien wiederum ein Jahrhundertwerk, dem schon zu Lebzeiten ein überwältigender Erfolg beschieden war: The Decline of the Roman Empire. Sein Autor, Edward Gibbon, aufgeklärter Zeitgenosse Voltaires, entstammte der englischen Oberschicht, wurde calvinistisch erzogen, war anerkannter Gelehrter und ein nicht sonderlicher erfolgreicher, aber keineswegs ultrakonservativer Politiker. Gibbon hatte jahrelang in Rom verbracht, bis er sein Hauptwerk schrieb, in dem der Untergang eines Imperiums gleich zweifach stattfindet: Rom und tausend Jahre später Konstantinopel.

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig, erfährt doch das bis dahin scheinbar unaufhaltsam expandierende britische Imperium mit der Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Kolonien einen schweren Rückschlag. Damit wird die Erzählung vom Niedergang des dekadent gewordenen antiken Rom zur narrativen Folie für die Gegenwart. Wenn vom Römischen Reich die Rede ist, kommt die Gegenwart des britischen Imperiums ins Spiel, das sich, wie andere Großmächte auch, in Macht und Glanz des römischen Weltreiches spiegelt. Wenn die Geschichte vom Niedergang Roms erzählt wird, dann bedeutet das für die Gegenwart, all jenen Anfängen zu wehren, die das britische Weltreich in einen ähnlichen Zustand bringen könnte wie das antike Rom, das etwa durch Luxus und katholische Weichlichkeit zugrunde gegangen sei.

Zum Niedergangs-Narrativ gehört ganz wesentlich das Sujet des Imperialen. Denn nur die Implosion des Großen und Mächtigen zeitigt den gewünschten epischen Effekt, der je nachdem tragisch, fatalistisch oder kritisch-ironisch (das Prinzip Schadenfreude) kommentiert werden kann, bei Gibbon finden sich tendenziell alle Möglichkeiten.

In beiden Fällen wird der Untergang des Reiches – Roms und Konstantinopels – an eine Disposition geknüpft, die Teil der erwähnten Matrix ist. Der Nieder- und Untergang ist kausal an die kulturelle Dekadenz geknüpft. Der militärisch-politischen Katastrophe geht die moralisch- kulturelle "Degeneration", die Abkehr von allen Sozialtugenden voraus, die das Römische Imperium – Gibbon zufolge – groß gemacht hatten. Geschickt kombiniert der Historiograph die militärische Unfähigkeit von Kaiser Honorius und seiner Generäle mit einem abstoßenden Sittenbild des spätimperialen Rom: Titelsucht, Habgier, Streitlust, sexuelle Ausschweifung, Verschwendung, übertriebene Hygiene (Bäder, Düfte), Schamlosigkeit und Homosexualität (sie treffen sich, wie es bei Gibbons heißt, öffentlich mit einem der "schändlichen Diener ihrer Lüste"), Hochmut, unmännliche Verzärtlichung, Theater und "weibische" Musik.

Sich zu Tode amüsieren

Die Stabilität all jener Elemente, die das narrative Kompositum namens Dekadenz bilden, ist – von Vico bis Houellebecq und Putin – über die Jahrhunderte hinweg erstaunlich: Das Schwinden der Geschlechterdifferenz erscheint als eine gezielte Subversion gegen die richtige, das heißt nichtdekadente Ordnung. Dekadenz ist nicht denkbar ohne den argwöhnischen Verweis auf den Verlust männlicher Identität, auf Promiskui- tät, Homosexualität und deren schamlose Inszenierung. Luxus, Hybris und Materialismus führen zum Verlust von Gesundheit und Askese. Die Männer der dekadenten Kultur büßen ihre körperliche Kraft ein, die für die militärische Verteidigung der Kultur vonnöten ist. Das Übermaß an Unterhaltungskultur, an Musik und Theatralität zerstört den Ernst des Lebens. Die Dekadenten amüsieren sich buchstäblich zu Tode.

Der Pluralismus wird wie der Relativismus als ein Symptom des Verfalls angesehen, der die Verbindlichkeit objektiv verstandener, patriarchaler Werte zerstört. Individualismus (Egoismus, Streitsucht, Gezänk) untergräbt den traditionellen Gemeinschaftssinn, der davon getragen ist, dass die Gemeinschaft Vorrang vor den Bedürfnissen des Einzelnen hat.

Die Kultur, die in ihr dekadentes Stadium eingetreten ist, büßt ihre prästabilisierte hierarchische soziale Ordnung ein und ist durch einen schroffen Gegensatz verarmter Massen und raffiniert lebender Superreicher charakterisiert. Insgesamt sind all diese Momente Symptome des Verfalls einer "natürlichen" Kultur. Dieser zeigt sich in der Zerstörung der Ordnungsstrukturen, in umfassenden Formen der Entgrenzung und Entdifferenzierung. Chaos und Leere sind die logische Folge dieses autodestruktiv gedeuteten Zustandes.

Wirksam ist die Dekadenz-Erzählung auch deshalb, weil sich in ihr innere Selbstzweifel mit einer Aggression von außen verbinden. So ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass die handfesten Krisen und Umbrüche in der heutigen westlichen Welt die Geschichten vom Niedergang wieder an die Oberfläche spülen. (Wolfgang Müller-Funk, Album, 31.7.2016)

Wolfgang Müller-Funk ist Professor für Kulturwissenschaften und lehrt u. a. an der Universität Wien. Zuletzt erschien sein Essayband "Jenseits von Resignation und Nostalgie" (Verlag Sonderzahl).

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