Sputnik, FPÖ, Identitäre: Russisch-rechtes Rendezvous in Wien

31. Juli 2016, 14:00
369 Postings

Der Wien-Korrespondent des Staatssenders Sputnik war Obmann eines Wiener Vereins mit Kontakt zur extremen Rechten

Im Hinterzimmer des Café Weingartner im 15. Wiener Gemeindebezirk wird vergangenen Februar der Kampfkunst der Kosaken gedacht: Schwerter werden herumgereicht, der "Nahkampf-Instrukteur" Alexander Bereuter referiert über die "russischen Krieger". Das zeigen Fotos der Veranstaltung, die vom Suworow-Institut in Wien organisiert wurde. Der nach einem russischen General benannte Verein will den "russisch-österreichischen Dialog fördern" und organisiert etwa Sprachkurse. Doch das Suworow-Institut bietet auch Rechtsextremen eine Bühne. "Die Einrichtung verfolgt eine nationalistische, antiliberale und antiwestliche Agenda und trifft sich mit der hiesigen extremen Rechten", sagt der Forscher Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW).

Brisant ist, dass als Obmann des Suworow-Instituts ein russischer Journalist namens Igor Belov fungiert, der für das staatliche Auslandsmedium Sputnik aus Wien berichtet. Das zeigt das offizielle Vereinsregister des Innenministeriums. Im Lauf der STANDARD-Recherche wird Belov dann laut Suworow-Institut vom Obmann zum "Mitarbeiter des Pressedienstes", kurz vor Redaktionsschluss ist er plötzlich "nicht mehr im Vorstand" aktiv.

Die Angelegenheit ist offenbar heikel, denn mit Belovs Obmannschaft wird zumindest in Österreich erstmals belegt, dass sich Mitarbeiter der russischen Auslandsmedien im Rahmen einer Organisation für extrem rechte Standpunkte engagieren. Mit Portalen wie RT (früher Russia Today) und Sputnik, quasi dem Nachfolger des Radiosenders Die Stimme Russlands, will die russische Regierung Nachrichten mit russischem Spin im Ausland verbreiten. Es soll ein Gegenpol zu US-amerikanischen und europäischen Medien wie CNN, "New York Times" oder "Spiegel" geschaffen werden. RT und Sputnik senden in zahlreichen Sprachen, betreiben Radio- und Fernsehkanäle oder – wie im deutschsprachigen Raum – reine Onlineangebote.

Extrem rechte Interviewpartner

Dass die russischen Portale gern und oft Rechtsextreme als Interviewpartner einladen, ist schon länger bekannt. "Im Westen will die russische Regierung so Zwietracht säen und jene bestärken, die regierungs- und elitenkritisch sind", erklärte der russische Journalist Andrei Soldatov vor wenigen Wochen in einem STANDARD-Interview.

Auf RT gab es Interviews mit Alexander Markovics, dem ehemaligen Obmann der rechtsextremen Identitären. Bei Sputnik wurde als Gesprächspartner wiederholt Patrick Poppel, der Sprecher des Suworow-Institutes ist, eingeladen. Dass Wien-Korrespondent Belov und Poppel durch die Einrichtung miteinander verbunden sind, weist Sputnik nicht aus.

"Igor Belov ist freischaffender Korrespondent für Sputnik Deutschland", sagt der Auslandssender auf Anfrage des STANDARD. Sputnik habe nichts mit dem Suworow-Institut zu tun, beteuert der Sender außerdem – und verweist darauf, dass Personen aus allen politischen Richtungen bei ihm auftreten. Auf die Frage, ob Sputnik einen Verhaltenskodex für seine Mitarbeiter habe, schweigt das Portal.

Patrick Poppel, "Gesicht" und laut eigener Aussage jetzt Obmann der Einrichtung, gibt denn auch an, die Einrichtung sei "von einem Personenkreis von Konservativen während des Beginns des Ukraine-Konflikts" gegründet worden. Es gebe "eigentlich gar keine Finanzierung", da die Tätigkeiten laut Poppel "nur geringe Mittel" benötigten. Tatsächlich veranstaltet die Einrichtung etwa Kundgebungen für den Donbass in der Wiener Innenstadt.

Identitäre Kontakte

Poppel führt für das Suworow-Institut Interviews, die bei der religiösen Videoplattform Gloria TV veröffentlicht werden. Interviewgast war etwa auch jener Arzt, dem die Lizenz entzogen wurde, weil er keine Asylwerber behandeln wollte. Auch Ex-Identitären-Chef Obmann kommt auf dem Internetkanal vor. Er hielt außerdem einen Vortrag im Suworow-Institut.

Die Identitären pflegen schon länger Kontakte nach Russland, wie der STANDARD berichtet hat. Markovics beschäftigt sich mit dem neofaschistischen russischen Publizisten Alexander Dugin, der von einem "Neo-Eurasien" schwärmt und den kulturellen Verfall in Europa beklagt. Gemeint sind damit etwa Frauenrechte und Schutz von sexuellen Minderheiten.

Poppel selbst sagt auf die Frage, inwiefern Vorträge von extremen Rechten dem Kerngebiet des Instituts, der "Verbreiterung" des russisch-österreichischen Dialogs, dienen sollen, dass man "verschiedene Leute im Zusammenhang mit der Situation in Österreich" interviewt habe. Die erste Ehrenmitgliedschaft des Suworow-Instituts ging vergangenen März an die "Kriegsheldin" Margarita Seidler, die vom deutschen öffentlich-rechtlichen MDR als "oberste Propagandistin der ostukrainischen Separatisten" bezeichnet worden ist.

Suworow-Sprecher Poppel hat in seiner Vita einige Stationen zurückgelegt: Er trat etwa mit den russischen Nachtwölfen auf, als diese in Wien Station machten. Dabei handelt es sich um einen nationalistischen Motorradklub, dessen Vorsitzender Stalin als "Idol" und den Westen als "Satan" bezeichnet hatte. Außerdem war Poppel Wien-Obmann der Partei Rekos, die vom ehemaligen FPÖ- und BZÖ-Politiker Ewald Stadler gegründet worden war.

Ikone für Gudenus

Bilder zeigen, wie Poppel an Botschaftsempfängen der russischen und weißrussischen Dependance in Wien teilnimmt. Bei einer Veranstaltung in der russischen Botschaft soll er den Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus kennengelernt haben, wie dieser auf Anfrage des STANDARD erzählt. Gudenus kann Russisch und hat gute Verbindungen in den Osten. 2012 nahm er etwa gemeinsam mit Parteiobmann Heinz-Christian Strache an einer Konferenz teil, die von der "Presse" als "geheimes großrussisches Treffen" bezeichnet worden ist. Mit dabei war auch jener Alexander Dugin, mit dessen neofaschistischer Ideologie sich die Identitäre Bewegung beschäftigt.

Vom Suworow-Institut bekam Gudenus im Rathaus vor kurzem die "Ikone der Heiligen Zarenfamilie" überreicht. Laut Poppel handle es sich um eine "private Angelegenheit", die "nicht besonders wesentlich" sei. Gudenus beantwortet die Frage, warum er die Ikone erhalten habe, mit einem "bloß so". Das Suworow-Institut kenne er "kaum".

Mit Christian Machek gab es dort bis vor kurzem ein Vorstandsmitglied mit FPÖ-Nähe. Machek arbeitet in einem katholischen Gymnasium, 2014 verfasste er für den Atterseekreis, einen Thinktank der FPÖ, einen Beitrag in der Publikation "Europa am Scheideweg". Außerdem soll er laut FPÖ-Familiensprecherin Anneliese Kitzmüller "maßgeblich" zu deren Buch "Der freiheitliche Weg zur familienfreundlichsten Gesellschaft" beigetragen haben. Abgesehen von den Beziehungen zur FPÖ kooperiere das Suworow-Institut laut Bernhard Weidinger vom DÖW aber vor allem "offensiv mit Vertretern des rechtsextremen Spektrums".

Gleichzeitig werden enge Kontakte gen Russland geknüpft. Als Partner des Suworow-Institutes wird etwa eine Organisation angeführt, die wiederum mit einem Thinktank des russischen Außenministeriums verbunden ist. Die Gemengelage aus russischen Auslandsmedien, merkwürdigen Einrichtungen und extrem rechten Agitatoren sorgte auch für das Interesse der Politik: Im Deutschen Bundestag gab es basierend auf STANDARD-Recherchen parlamentarische Anfragen. (Fabian Schmid, 31.7.2016)

  • Patrick Poppel (links), Sprecher des Suworow-Institutes, überreicht dem Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus (FPÖ) als "private Angelegenheit" eine russische Ikone.
    foto: faksimile facebook

    Patrick Poppel (links), Sprecher des Suworow-Institutes, überreicht dem Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus (FPÖ) als "private Angelegenheit" eine russische Ikone.

  • Am Suworow-Institut engagiert sich auch ein Korrespondent des russischen Portals Sputnik, das weltweit Radiosender und Internetportale in zahlreichen Sprachen betreibt.
    foto: picturedesk/tass

    Am Suworow-Institut engagiert sich auch ein Korrespondent des russischen Portals Sputnik, das weltweit Radiosender und Internetportale in zahlreichen Sprachen betreibt.

  • Alexander Dugin (ganz rechts) bei einer Veranstaltung mit russischen Nationalisten.
    foto: ap/metzel

    Alexander Dugin (ganz rechts) bei einer Veranstaltung mit russischen Nationalisten.

Share if you care.