Des letzten Kanzlers letzte Karosse

31. Juli 2016, 07:33
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Nichts ist spannender als Zeitgeschichte. Kurt Schuschnigg, (vor)letzter Bundeskanzler der Ersten Republik, brauchte nach unfallbedingtem Verlust seines Dienstwagens einen neuen. Mercedes wollte er Hitlers wegen nicht, also musste Gräf & Stift einspringen. Nur: Hitler war früher da als das Auto fertig.

Wien – Die Geschichte dieses einmaligen Automobils – Gräf & Stift C12 – begann mit einer Tragödie. Am 13. Juli 1935 verunglückte der Dienstwagen des damaligen Bundeskanzlers Kurt Alois Josef Schuschnigg, ein Gräf & Stift P8, angetrieben von einem Acht-Zylinder-Motor mit 125 PS, nahe Linz in Pichling, das Fahrzeug war ein Totalschaden. Am Steuer gesessen war der Chauffeur, im Fond die erste Gattin des Kanzlers und sein minderjähriger Sohn. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände kam Frau Schuschnigg ums Leben, ihr Sohn erlitt leichte Blessuren, der Lenker des mehr als zwei Tonnen schweren Fahrzeuges wurde schwer verletzt.

Prachstückproblem

So weit der nüchterne Bericht über einen höchst bedauerlichen Verkehrsunfall. Der Bundeskanzler stand nun plötzlich ohne persönlichen Dienstwagen da. Heute sicher kein Problem, die Importeure der großen Premiummarken würden schon Stunden später vor dem Ballhausplatz antichambrieren, um Prachtstücke aus ihrer Palette anzubieten.

foto: vga wien: az-fotoarchiv, teleph
Schuschnigg bei einer Rede am Heldenplatz.

In den 1930er-Jahren war die Verfügbarkeit von Automobilen aufgrund der geringen Stückzahlen hingegen ein beachtliches Problem. Der Fuhrpark des Bundeskanzleramtes war dünn bestückt, die Entscheidung fiel auf einen Steyr 530, der von seiner Größe und seiner Exklusivität her als Überbrückungshilfe bis zur Anschaffung eines eigenen Wagens für Schuschnigg infrage kam.

45 PS aus 2,1 Liter

Dieses Modell basierte auf dem von Ferdinand Porsche konstruierten Steyr 30 mit einem 45 PS starken 2,1-Liter-6-Zylinder-Reihenmotor, Hinterradantrieb und 4-Gang-Schaltung. 1935 erfolgte nach heutiger Diktion ein Facelift, die Karosserie wurde gestreckt, die Innenausstattung wertvoller gestaltet, auch motorisch erfolgte eine leichte Verbesserung. 55 PS leistete nun der auf 2260 cm³ vergrößerten Motor, die Spitze lag bei aufregenden 105 km/h, 15 l Spritverbrauch auf 100 km waren damals kein Grund zur Aufregung.

Der Steyr 530 wurde nur 456-mal gebaut, damit war automatisch eine Portion Exklusivität gegeben. Die wenigen noch vorhandenen Exemplare dieses Steyr-Personenwagens stehen heute in Museen oder Privatsammlungen. Dieses Fahrzeug konnte aber, wie gesagt, nur Überbrückungshilfe sein, ein Bundeskanzler der Republik Österreich musste sich auch von der Fahrzeugwahl her vom Umfeld abheben.

foto: verein zur förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken
Das "Schuschnigg-Auto" in der Produktion.

Im vorauseilenden Gehorsam, keine edle österreichische Tugend, schlugen Beamte vor, einen Mercedes anzuschaffen – das könne den Diktator im mächtigen Nachbarland positiv stimmen. Schuschnigg lehnte ab, denn das Haus Gräf hatte eine unglaublich attraktive Alternative zur Sprache gebracht. "Wir bauen für Sie exklusiv einen einmaligen Prototyp", heute würde man von einem Concept-Car sprechen.

Vom Kaiser zum Geldadel

Gräf & Stift, seit 1913 Lieferant des Kaiserhauses, später Autopartner für die Reichen und Schönen auf Augenhöhe mit Mercedes, Horch, Rolls-Royce und Bugatti, war natürlich vom Know-how her in der Lage, ein solches Unternehmen anzugehen, obwohl damals im Gräf-Werk in der Döblinger Weinberggasse Lizenzbauten mit Citroën und Ford eigene Pkw-Entwicklungen aus Kostengründen verdrängt hatten.

foto: verein zur förderung der historischen fahrzeuge der österreichischen automobilfabriken
Wie repräsentativ das Unikat Gräf &Stift C12 war, zeigt sich hier in der Bildmitte.

Das Konzept dieser unter dem Kürzel C12 – Hinweis auf den Zwölf-Zylinder-Motor – entwickelten Staatslimousine war genial, für damalige Verhältnisse modern, auch mit einem Schick, der noch heute begeistert. Der Audi A920 Premiumwagen aus dem Jahr 1939 hat später gewisse Elemente aus dem C12 nachempfunden.

foto: andreas stockinger
Ein Vier-Liter-V-Zwölf trieb den Wagen an.

Die Entwicklung nahm Zeit in Anspruch, als Motor diente ein 110 PS starker V12 von Lincoln aus den USA, mit mächtigen vier Litern Kubikinhalt. Der 2500 kg schwere Personenwagen erlaubte eine Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h, der Verbrauch von 25 Liter auf 100 km schrie nach einer privaten Tankstelle. Angetrieben wurde hinten, die Vier-Gang-Schaltung war teilweise synchronisiert.

Direktions- statt Staatswagen

1938 war der Stolz des Hauses Gräf & Stift fertig – nur gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Kanzler Schuschnigg mehr, Österreich war zur Ostmark degradiert worden. Bevor die neuen Machthaber einen begehrlichen Blick auf dieses tolle Fahrzeug werfen konnten, wurde es zum Direktionswagen des Autowerks erklärt, sicherheitshalber waren die Eigentümer rasch der Partei beigetreten.

foto: andreas stockinger

Heute steht dieses Prachtstück, Star in einer Otto-Preminger-Nachkriegsfilmproduktion und selbstverständlich fahrbereit, im MAN-Werk Wien-Liesing – betreut vom Verein zur Förderung der historischen Fahrzeuge der Österreichischen Automobilfabriken. Martialisch wirkende riesige Laster in militärischer Camouflage-Lackierung stehen auf dem Weg zu den speziellen Räumen, wo die Sammlung der Gräf-&-Stift-Fahrzeuge ihre Heimstätte gefunden hat. "Schulter an Schulter" mit dem C12 steht der mächtige SP8 aus den 1930ern, derzeit durch einen Kupplungsschaden etwas lädiert; ein Star bei Oldtimerveranstaltungen in der Wiener Innenstadt.

Das Schicksal von Gräf & Stift

Die Firma Gräf & Stift existiert schon lange nicht mehr, die Fabrik in Wien-Döbling, unbeschädigt über den Zweiten Weltkrieg gekommen, wurde in den wenigen Wochen der russischen Besatzung im Sommer 1945 bis auf 23 Maschinen komplett ausgeräumt. Trotzdem gelang es bald wieder, Nutzfahrzeuge und Autobusse zu produzieren. Das Beinahe-Kanzlerauto entging dem Schicksal des Abtransports in die Sowjetunion.

foto: andreas stockinger

Das Gräf-&-Stift-Warenzeichen – der Löwe, nachempfunden den Figuren des Bildhauers Rudolf Weyr auf der Nußdorfer Schemerlbrücke – verlieh die Gemeinde Wien 1916 an die Autobauer, heute eine gesuchte Trophäe.

Fast altgriechische Mythen zu spinnen sei erlaubt: Thronfolger Franz Ferdinand lebte im Schloss Belvedere, er starb in einem Gräf & Stift. Kurt Schuschnigg wohnte als Kanzler ebenfalls im Belvedere. Seine erste Frau starb in einem Gräf & Stift, und in sein späteres Schicksal nach 1938 spielte auch diese Automarke hinein. (Peter Urbanek, 31.7.2016)

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