Plötzlich nicht mehr die Annette, sondern die Bürgermeisterin

Bericht18. August 2016, 08:00
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Annette Sohler wurde mit 30 Jahren Bürgermeisterin von Lingenau. Sie brachte einen neuen Stil in die Gemeindestube

Lingenau – Wie geht es einer jungen Frau, die mit 30 ihr Leben komplett umkrempelte und Bürgermeisterin wurde? Annette Sohler, die seit 2010 die Bregenzerwälder Gemeinde Lingenau führt, bereut nichts und erinnert sich mit einem leisen Lächeln: "Ich bin ja wirklich als komplette Quereinsteigerin in die Gemeindepolitik hineingerutscht. Ich war nie bei einem Verein, nicht einmal als Zuhörerin bei einer Gemeindevertretungssitzung."

Neu war auch das Gefühl, plötzlich eine öffentliche Person zu sein. "Du gehst durchs Dorf und bist nicht mehr nur die Annette, sondern die Bürgermeisterin. Man nimmt dich – alles, was du tust und sagst – ganz anders wahr."

Das Amt war ein klarer Schnitt in ihrem Leben, sagt Sohler. An die frühere große Leidenschaft, das Reisen, erinnert noch ein großes Foto von Havanna im Büro. "Ich bin unheimlich gerne als Backpackerin unterwegs gewesen, das geht nicht mehr", erzählt Annette Sohler. "Aber das macht nichts, ich habe mich ausgetobt." Als Bürgermeisterin habe sie nur noch ein Hobby: "Lingenau." Kurze Entspannungsurlaube müssen zur Erholung reichen, "irgendwo in der Nähe, damit ich gleich daheim bin, falls was wäre."

Unverhoffte Politikkarriere

Das im Bregenzerwald übliche Mehrheitswahlsystem macht unverhoffte Politikkarrieren möglich. Zur Gemeindevertretungswahl treten keine Parteilisten an, sondern eine von den Bürgerinnen und Bürgern in einer Vorwahl zusammengestellte Liste. Die neue Gemeindevertretung wählt dann aus ihrer Mitte Bürgermeister oder Bürgermeisterin.

"Man hat mich wahrscheinlich für die Gemeindevertretung vorgeschlagen, weil ich mich als Landesbedienstete in der Verwaltung ausgekannt habe", vermutet Annette Sohler. Bei der Bezirkshauptmannschaft Bregenz habe sie Wald- und Wiesenverfahren geleitet. Einige im Dorf hätten ihre Arbeit gekannt "und haben halt weitererzählt, dass ich die Arbeit ghörig mache".

Mehr Junge und Transparenz in der Gemeindestube

Im 1400-Menschen-Dorf stand aber auch ein Generationenwechsel an. "Und so war nicht nur ich neu, sondern der gesamte Gemeindevorstand – die Gemeindevertretung war ganz jung." Bürgermeister wollte aber keiner der neuen Mandatare werden. Annette Sohler überlegte pragmatisch: "Ich konnte mich karenzieren lassen, musste nicht Rücksicht auf Mann oder Kinder nehmen. Also habe ich das gemacht."

Von Anfang an achtete sie auf eine Atmosphäre der Offenheit. "Gespräch und Transparenz sind mir sehr wichtig. Wir berichten via Gemeindezeitschrift und Homepage. Unsere Arbeit ist ja zeitlich befristet, dann kommen die Nächsten. Entscheidungen sollen nachvollziehbar sein."

Bauen und Wohnen leistbar machen

Eines der Hauptthemen der jungen Generation im Gemeindeamt war leistbares Wohnen. In Lingenau zeigte sich das gleiche Problem wie überall in Vorarlberg: "Man hat gewidmete Baugründe, aber sie stehen nicht zur Verfügung." Die Gemeinde begann 2010, Grundstücke anzukaufen und zu erschließen. Die Baugründe wurden und werden "ohne Gewinnabsicht, um durchschnittlich 153 Euro pro Quadratmeter an Lingenauer und Lingenauerinnen verkauft". 17 Bauplätze wurden bereits vergeben. Die Gemeinde ermöglicht so preisgünstigeres Bauen und nimmt durch ihr Preisbeispiel Einfluss auf den Markt. "Wenn das nicht wäre, würden die Bodenpreise auch bei uns hochschnellen", sagt die Bürgermeisterin.

Mit dem "Lindohus", genannt nach einer alten Linde, bekommt die Gemeinde nun ihren ersten gemeinnützigen Wohnbau. 13 Wohnungen für betreutes Wohnen und Familien sind kurz vor ihrer Fertigstellung, dazu Räume für die Pfarrbücherei und ein Gemeinschaftsraum. Von Anfang an habe man das Projekt den Bürgerinnen und Bürgern kommuniziert, zu Besichtigungen eingeladen. Der erste Sozialbau im Dorf, das noch durch seine bäuerliche Struktur geprägt ist, stößt auf breite Akzeptanz.

Gemeinde ist knapp bei Kasse

Bürgerbeteiligung ist für Annette Sohler selbstverständlich. "Je nach Projekt laden wir Betroffene, Interessierte, Experten zur Mitgestaltung ein." Offen wird von der Bürgermeisterin auch kommuniziert, dass die Gemeinde knapp bei Kasse sei. Bei einem Budget von 4,7 Millionen Euro habe man knapp 8,5 Millionen Euro Schulden.

"Die Leute verstehen, dass wir uns nicht alles leisten können." Das gehe dann so weit, dass der Fußballklub, konfrontiert mit der Tatsache, dass ihm die Gemeinde nur einen Teil des neuen Klubheims finanzieren könne, Eigenleistung von 18.000 Stunden einbringt. Diese Art von Beteiligung freut die Bürgermeisterin ganz besonders.

Nun braucht die Kleinkinder-Spielgruppe bessere Räumlichkeiten. Annette Sohler hat sich mit den Müttern Beispiele in anderen Gemeinden angeschaut. Mit Begeisterung macht man sich an die Planung – Gemeinde und Spielgruppen-Verein gemeinsam. (Jutta Berger, 18.8.2016)

  • Annette Sohler (36), Bürgermeisterin von Lingenau, will transparente Politik machen.
    foto:´markus mosman

    Annette Sohler (36), Bürgermeisterin von Lingenau, will transparente Politik machen.

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