"Israelische Zustände" in Europa: "Geratet nicht in Panik"

Interview29. Juli 2016, 08:53
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Europa soll Anschlägen mit Wachsamkeit, nicht aber Angst begegnen, sagt Terrorforscher Meir Elran

STANDARD: In Europa herrscht nach den vielen Terroranschlägen Panik, und manche meinen, man steuere auf "israelische Zustände" zu. Was sind eigentlich "israelische Zustände"?

Elran: Die ganze Idee des Terrors besteht darin, Panik auszulösen. Und weil unsere Gegner wollen, dass wir in Panik geraten und gelähmt sind, ist es für uns wichtig, das zu verstehen und so zu agieren, wie es eben nicht ihren Absichten entspricht. Die Israelis haben über die Jahre diese wichtige Wandlung durchgemacht. Wir haben leider eine lange Erfahrung mit dem Terror, wir sind natürlich besorgt, wir sind wachsam, aber wir sind nicht in Panik. Wir verstehen, dass es vor allem ein Kampf der Ideen ist. Die andere Seite bringt die Idee der Angst ein, wir müssen die Idee der Bereitschaft, der Wachsamkeit einbringen, und das Wichtigste für uns ist, zu verstehen: Wir sind viel, viel stärker als sie. Sie sind grausam, böse, machen Sachen, die wir völlig ablehnen, aber sie sind schwächer. Und wenn wir das verstehen und eine entsprechende Strategie definieren, werden wir sie besiegen. Das ist also meine Botschaft an die Europäer: Seid euch der Lage bewusst, versucht euch zu schützen, aber geratet nicht in Panik.

STANDARD: Wollen Sie damit sagen, die Israelis haben sich an den Terror gewöhnt?

Elran: Das geht zu weit, aber wir verstehen, dass das ein Teil des Lebens ist. Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Risiken. Das ist kein Paradies. Wenn wir es verstehen, mit diesen Risiken rational umzugehen, können wir mit ihnen leben. Nehmen Sie zum Beispiel Autounfälle. Haben wir uns daran gewöhnt? In gewisser Weise schon. Wir leben in einer Welt, in der es ständige Erschütterungen gibt, und wir können ziemlich viel tun, um sie zu mildern.

STANDARD: In Europa hat man Israel oft vorgeworfen, es würde gegen den Terror überreagieren. Glauben die Israelis denn jetzt, dass die Europäer sie besser verstehen?

Elran: Es ist natürlich, dass, wenn Sie eine Situation nicht gut kennen, Sie sich eine Meinung zu dieser Situation auf einer bloß theoretischen Basis bilden. Mir wäre es lieber, wenn Europa keinen Terrorattacken ausgesetzt wäre, und ich wünsche mir, dass das vorbeigeht und Europa zu Ruhe und Stabilität zurückkehrt – sogar, wenn sie Israel dann wieder Vorwürfe machen. Damit werden wir schon fertig. Doch ja, leider begreifen jetzt viele Europäer, dass sie eine Politik gegen diese Erschütterungen formulieren müssen, je früher, desto besser.

STANDARD: Man lebt also in Israel mit dem Terror, aber nach Anschlägen hört man immer wieder die Forderung an die Führung: Tut etwas, stoppt den Terror! Sind die Israelis also nicht realistisch?

Elran: Die meisten Menschen in Israel sind realistisch und verstehen die Situation, in der sie leben. Sie versuchen, sich anzupassen und mit der Situation fertigzuwerden. Es gibt tatsächlich Leute, die immer der Regierung, Polizei, Armee Vorwürfe machen. Aber das Gesamtbild ist, dass die meisten Israelis die Komplexität der Situation verstehen und wir meistens das tun, was für uns notwendig ist.

STANDARD: Hört man nicht in Israel oft Spott, weil Europa so weich und liberal und humanistisch sei, während Israel eine robustere Haltung einnimmt und den Schutz des Lebens für wichtiger hält als diese Werte?

Elran: Mir sind diese Werte sehr teuer. Die Europäer sollten ihre europäischen Ideen bewahren, wir wollen unsere Lebensart nicht ändern, weder in Israel noch in Europa. Es gibt genügend andere Mittel, um mit dieser Situation fertigzuwerden, offensiv und defensiv. Wenn wir operativ das Richtige machen, die Kooperation der Nachrichtendienste verbessern, die Kooperation der Staaten verbessern, beim Kampf gegen den IS helfen, dann können wir viel erreichen, ohne unsere demokratischen Grundwerte aufzugeben. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, 29.7.2016)

foto: inss
Meir Elran (72), General der Reserve und früherer Vizekommandeur von Israels militärischem Nachrichtendienst, ist Terrorismusforscher am Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv.
  • Israelische Grenzpolizisten in Jerusalem. Sicherheitsmaßnahmen sind nötig, an Terrorrisiko kann man sich aber teilweise gewöhnen.
    foto: apa/epa/atef safadi

    Israelische Grenzpolizisten in Jerusalem. Sicherheitsmaßnahmen sind nötig, an Terrorrisiko kann man sich aber teilweise gewöhnen.

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