Forscher warnen vor einer "Pandemie des Sitzens"

29. Juli 2016, 05:30
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Viel und langes Sitzen ist gesundheitsschädlicher als gedacht. Eine neue Studie beschreibt, wie einfach es ist, das Gesundheitsrisiko zu minimieren

"Sitzen ist das neue Rauchen", heißt es. Manche Gesundheitsexperten sprechen, wenn vom hausgemachten Bewegungsmangel die Rede ist, bereits von einer "Pandemie". Denn zu langes Sitzen ist in einem ähnlich hohen Ausmaß gesundheitsgefährdend wie das Rauchen. Studien zufolge kann es die Lebensspanne ebenso verkürzen wie der blaue Dunst.

Rückenschmerzen als häufigste chronische Krankheit

Zwischen 50 und 70 Prozent unseres Alltags verbringen wir statistisch gesehen in sitzender Position. Viele Menschen können gar nicht anders, zum Beispiel weil sie einen sitzenden Beruf ausüben. Zu wenig körperliche Aktivität und das abendliche Couchprogramm tun ihr Übriges. Rückenschmerzen zählen laut der "Österreichischen Gesundheitsbefragung 2014" der Statistik Austria zu den häufigsten chronischen Krankheiten.

Sitzen schadet Gesundheit und Wirtschaft

"Langsitzer" gibt es nicht nur in Österreich, sie sind ein globales Problem: Bewegungsmangel gilt weltweit als Auslöser für ein gesteigertes Herzerkrankungs-Risiko, Diabetes und einige Krebsarten. Fünf Millionen Tote pro Jahr sollen auf körperliche Inaktivität zurückzuführen sein. Erstmals wurden auch die globalen wirtschaftlichen Folgen von Bewegungsarmut gemessen: 67,5 Milliarden US-Dollar (59 Milliarden Euro) pro Jahr gehen demnach durch die damit verursachten Gesundheitsausgaben und den Produktivitätsverlust verloren.

Neue Studie: Acht Stunden sitzen, eine Stunde bewegen

Die WHO empfiehlt, sich zweieinhalb Stunden pro Woche moderat angestrengt zu bewegen. Dadurch, so die bisherige Annahme, lasse sich ein sitzender Lebensstil zumindest teilweise ausgleichen. Eine aktuelle Studie zeigt jetzt: Eine Stunde Bewegung pro Tag kann das Gesundheitsrisiko von acht Stunden Sitzen möglicherweise ausgleichen. Demnach würden schon rasches Gehen oder Radfahren reichen.

Bewegung mindert frühzeitiges Sterberisiko

Für die Analyse, die im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 2016 im Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht wurde, haben Wissenschafter Daten von insgesamt einer Million Personen aus 16 bisherigen Studien untersucht. Das Ergebnis: Menschen, die täglich acht Stunden sitzen und körperlich aktiv sind haben ein signifikant geringeres Mortalitätsrisiko als Menschen, die weniger lang im "Sitzmodus" verbringen und körperlich inaktiv sind.

"Pandemie körperlicher Inaktivität"

Die Empfehlung der WHO von zweieinhalb Stunden körperlicher Aktivität pro Woche ist den Studienautoren zufolge deutlich zu niedrig angesetzt. Sie betonen, dass weltweit nach wie vor viel zu wenig Bewegung betrieben wird. Nur rund ein Viertel der in ihrer Analyse untersuchten Menschen verbrachte eine Stunde oder mehr mit körperlicher Betätigung pro Tag. "Die globale Pandemie körperlicher Inaktivität bleibt bestehen – und die bisherigen weltweiten Maßnahmen dagegen sind viel zu schwach", so Jim Sallis von der Universität Kalifornien in San Diego.

Risiken durch Bewegung im Alltag reduzieren

Die Wissenschaftler plädieren eindringlich für mehr Bewegung: "Unsere Nachricht ist eine positive: Es ist möglich, diese Risiken zu reduzieren – oder sogar zu eliminieren – wenn wir nur aktiv genug sind. Dafür müssen wir nicht einmal großartig Sport betreiben oder ins Fitnessstudio gehen", schreibt Ulf Ekelund von der Norwegian School of Sport Sciences.

Besonders Menschen, die im Beruf viel sitzen müssen, rät er, wann immer möglich Bewegung in den Alltag einzubauen. "In der Mittagspause spazieren gehen, am Morgen eine Runde laufen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eine Stunde Bewegung pro Tag wäre ideal. Wenn das nicht geht, können auch schon kleine Bewegungseinheiten das Risiko reduzieren." (maka, 29.7.2016)

  • Wer viel Zeit sitzend verbringt und sich wenig bewegt, verkürzt sein Leben deutlich, sind Wissenschafter überzeugt.
    foto: apa/dpa/frank rumpenhorst

    Wer viel Zeit sitzend verbringt und sich wenig bewegt, verkürzt sein Leben deutlich, sind Wissenschafter überzeugt.

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