Betrugsprozess: Das Reisebüro der Zellengenossen

29. Juli 2016, 07:44
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Ein 48-Jähriger soll für Reisen Geld kassiert, aber nicht oder wenig gebucht haben. Für manche endete der Urlaub, bevor er begann

Wien – Harald G. hat sich ganz offensichtlich der Gnade Heinz Fischers nicht würdig erwiesen. Als Österreich noch einen gewählten Bundespräsidenten hatte, hatte der den 48-Jährigen nämlich im Zuge der Weihnachtsamnestie vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Wirklich dankbar war G. dafür nicht – noch während der Bewährungszeit beging der zweifach Vorbestrafte neue Betrügereien.

Seit 1992 ist der Angeklagte in der Reisebranche tätig, wie er Stefan Apostol, dem Vorsitzenden des Schöffengerichts, erzählt. Zunächst als Einzelunternehmer, mit mäßigem Erfolg – er wurde insolvent.

Zwei einschlägige Vorstrafen

Als Filialleiter arbeitete er danach für ein weiteres Reisebüro und veruntreute dort 173.500 Euro, mit denen er offenbar die alten Schulden beglich. "Ich habe kaum Geld für mich verbraucht", beteuert er. 2007 wurde er dafür zu einer bedingten Strafe verurteilt, zog danach die Masche bei einem weiteren Unternehmen wieder durch. Für den Schaden von 160.000 Euro bekam er zwei Jahre unbedingt, dazu wurde die Vorstrafe widerrufen und in eine unbedingte verwandelt.

"Ich habe dann leider in Haft jemanden kennengelernt", verrät der Angeklagte nun. Zwei Mithäftlinge, um genau zu sein. G. wollte nach der Entlassung wieder ein Reisebüro leiten, die beiden anderen sollten sich beteiligen. Unter anderem mit einer Erbschaft, die einer der anderen Häftlinge machte.

Man suchte und fand eine Strohfrau für die Firmengründung, um 200.000 bis 250.000 Euro richtete man ein hübsches Büro in Wien-Neubau ein. "Ich hatte von früher noch viele Kunden in dem Bezirk", sagt der Angeklagte.

Kapital für Büroeinrichtung verbraucht

Wie Vorsitzender Apostol richtig erkennt, war mit der Einrichtung des Büros aber auch die Liquidität der Firma wieder perdu. Was folgte, war das vertraute Loch-auf-Loch-zu-Spiel. Oder, wie es Verteidiger Christian Gepart formuliert: "Er zeigte eine Kombination aus Naivität und Gleichgültigkeit."

In 36 Fällen mit 60 betroffenen Kundinnen und Kunden kassierte G. für Reisen Geld, mit dem er entweder eigene Schulden beglich oder frühere Buchungen bezahlte. Von Herbst 2013 bis Sommer 2015 jonglierte er auf diese Art und Weise.

"Ich habe schon die Hochzeitsreise vor über 20 Jahren bei ihm gebucht", schildert ein Kunde im STANDARD-Gespräch. "Es hat immer alles geklappt. Wir haben auch gewusst, dass er im Gefängnis gewesen ist, die erste Buchung danach hat aber auch einwandfrei funktioniert." Die letzte dann nicht mehr: "Wir wollten nach Ägypten. Er hat uns immer vertröstet. Am Abreisetag haben wir schon die Koffer gepackt gehabt, als er sich meldete und sagte, es wird nichts."

Nur Hinflug und Hotel gebucht

In anderen Fällen buchte G. beispielsweise zwar den Flug nach Thailand, im Hotel erfuhren die Touristen dann jedoch, dass gar kein Zimmer für sie reserviert worden sei. Oder es wurden Hinreise und Unterkunft organisiert – aber kein Rückflug, wie sich am Flughafen in Bangkok herausstellte.

G. setzte sich irgendwann nach Thailand ab, wo er Familie und ein Lokal hat. Er habe sich aber im Frühjahr stellen wollen, beteuert der Angeklagte. Die Behörden nahmen ihm den Amtsweg ab: Er wurde am Flughafen München aufgrund eines Haftbefehls festgenommen.

Wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs mit einem Schaden von 160.000 Euro wird er schließlich – bei einem Strafrahmen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren – rechtskräftig zu einer Strafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Sein Verteidiger verspricht, dass sein Mandant sich nach der Entlassung bemühen werde, die Forderungen der Gläubiger zu erfüllen. Ohne Tricks: "Man kann jetzt schon sagen, er wird nicht mehr in dieser Branche arbeiten." (Michael Möseneder, 29.7.2016)

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