Amoklauf in München: TV-Sender ProSieben setzt "Counter-Strike"-Übertragung ab

28. Juli 2016, 13:55
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Fortsetzung der "Killerspiel"-Debatte – "E-League" wird nicht mehr gezeigt, Spieler reagieren erbost

Im Mai hatte ProSieben Maxx angekündigt, als erster deutscher Sender einen Bewerb im Taktik-Shooter "Counter-Strike: Global Offensive" (CS:GO) im Fernsehen zu zeigen. Zu mitternächtlicher Stunde wollte man zehn Wochen lang Highlights aus den Partien des in den USA ausgetragenen E-League-Turniers ausstrahlen.

Und das geschah bis vor kurzem auch noch jeden Mittwoch, dazu stellte man über Twitch auch einen Livestream zur Verfügung. Vor den Finalspielen wurde das Experiment nun aber jäh beendet. Mit Verweis auf den Amoklauf in München fliegt "CS:GO" aus dem Programm – viele Zuseher reagieren empört.

Ende für TV-Show wegen München, Fans sauer

"Aufgrund der jüngsten Ereignisse in München wollen wir zurzeit keine Ego-Shooter-Spiele wie CS:GO übertragen. Vielen Dank für Euer Verständnis", begründete man den Schritt in einem Posting auf der Facebookseite des Senders. Über 1.300 Kommentare wurden dort mittlerweile hinterlassen, viele Nutzer zeigen sich irritiert bis erbost. Der Sender hat auch den Auftritt des E-Sports-Formats von der eigenen Website gelöscht (hier noch per Google Cache einsehbar).

"Ich kann durchaus verstehen, dass man als Sender eine gewisse Verantwortung besitzt", heißt es etwa von einem User. "(…) jedoch bei allem Respekt, macht ihr hier einen ganz großen Fehler." Ein anderer schreibt, es sei "absolut lächerlich", solche Spiele in Zusammenhang mit tragischen Ereignissen, wie dem Amoklauf in München in Verbindung zu bringen. Man höre ja auch nicht auf, Formel-1-Rennen zu zeigen, nur weil manche Leute in Ortsgebieten viel zu schnell unterwegs seien, argumentiert ein weiterer Kommentator.

Rückkehr der "Killerspiel"-Debatte

Die Schießerei in der bayrischen Landeshauptstadt hat die seit Jahren beruhigte "Killerspiel"-Debatte wieder hochkochen lassen, nachdem der deutsche Innenminister Thomas de Maizière gewalthaltige Videogames für die offenbar rechtsextremistisch motivierte Tat mitverantwortlich gemacht hat. Der Täter, der auch unter Depression und Angststörungen litt, hatte selber "CS:GO" gespielt.

In einem Manifest bekundete er seinen Hass auf Türken und Araber. Gegenüber einem Mitwisser soll er zudem seine Verehrung gegenüber Anders Behring Breivik bekundet haben, der exakt fünf Jahre vor der Tat in München auf der norwegischen Insel Utoya 77 Menschen getötet hatte. Seinen eigenen Amoklauf soll er bereits seit einem Jahr geplant haben.

foto: cs:go
Nachdem die "Killerspiel"-Debatte jahrelang abgeflaut war, kehrt "Counter-Strike" zurück in den Fokus von Politik und Medien.

Die überraschende Absetzung der "Counter-Strike"-Show dürfte die Wogen weiter hochtreiben. De Maizière hatte für seine Aussagen Rückendeckung aus der eigenen Partei (CDU/CSU) erhalten. Der Präsident des bayrischen Landeskriminalamts hatte zudem zu Protokoll gegeben, dass man bisher noch bei "jedem ermittelten Amokläufer" das Spiel "Counter-Strike" gefunden habe.

Kein direkter Zusammenhang erwiesen

Wissenschaftlich ist die Behauptung eines direkten Zusammenhangs zwischen Gewalttaten und dem Konsum von Games mit Gewaltinhalten nicht haltbar. Zahlreiche Studien mit kurzen Beobachtungszeiträumen sind bislang zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Dementsprechend brachte auch eine Metastudie keine eindeutigen Ergebnisse.

Eine seit 15 Jahren durchgeführte Langzeitstudie der Universität Bielefeld deutet bislang nicht darauf hin, dass derlei Spiele unmittelbar zu Gewalt führen. Bei hohem Konsum besteht aber die Möglichkeit, dass sie "Einstellungen, die gewalttätiges Verhalten befürworten" verstärken können – doch auch eine solche Einstellung allein führt nicht automatisch zu entsprechenden Handlungen.

Games-Seite springt mit Livestream ein

Wer das E-League-Turnier mitverfolgt, muss allerdings nicht auf Liveübertragungen verzichtet. Die auf "Counter-Strike" fokussierte Gamingseite 99Damage springt mit Twitch-Livestreams der Halbfinalpartien am Freitag und des großen Finales am Samstag ein. (gpi, 28.07.2016)

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