Michel Barnier: Der neue "Mr. Brexit" der EU-Kommission

Kopf des Tages27. Juli 2016, 17:46
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Der 65-jährige ehemalige französische Außen- und Agrarminister wird Verhandlungsführer der EU-Kommission für die Austrittsgespräche mit Großbritannien

Michel Barnier ist nicht nur ein Marathonmann der französischen Politik: Wie wenige seiner Landsleute kann der 65-jährige gemäßigte Konservative für sich auch in Anspruch nehmen, seit Jahrzehnten mit allen Feinheiten der europäischen Politik vertraut zu sein – konzeptionell wie praktisch.

Insofern war es keine so große Überraschung, dass Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker seinen Parteifreund aus der Europäischen Volkspartei (EVP) mit dem Posten des Verhandlungsführers bei den EU-Austrittsgesprächen mit Großbritannien betraute: Barnier ist europäischer Vollprofi. Er kennt Brüssel wie seine Westentasche, ebenso die Machtspiele der Hauptstädte aus erster Hand.

Seit den frühen 1990er-Jahren hat der aus Grenoble stammende Unternehmersohn in Paris unzählige Posten als Abgeordneter und Minister bekleidet, diente als Mann des Ausgleichs mehreren Staatspräsidenten von François Mitterrand über Jacques Chirac bis Nicolas Sarkozy. 1993 war Barnier Umweltminister, dann Europaminister, in den Nullerjahren Außen- und Agrarminister seines Landes. Er war Chefverhandler für mehrere EU-Reformen, so auch beim Vertrag von Amsterdam 1997. Detail: David Davis, von London als Brexit-Chefverhandler nominiert, ist ebenfalls Vertragsspezialist. Er war 1992 Berater beim Maastricht-Vertrag.

Immer wieder wechselte Barnier zwischen Jobs in Brüssel und Straßburg. 1999 bis 2004 verantwortete er als EU-Kommissar den Bereich Regionalpolitik. Er war Abgeordneter des EU-Parlaments, 2010 kehrte er mitten in der Finanzkrise als Kommissar für den Binnenmarkt und Finanzdienstleistungen unter Präsident José Manuel Barroso auf eine Schlüsselposition in der Kommission zurück.

Wenn er sich durch seine Ernennung zum neuen "Mr. Brexit" der EU-Kommission "sehr geehrt" nennt in dieser "anspruchsvollen Mission", kann man ihm das abnehmen: Barnier gilt als ebenso fleißig wie bescheiden, ruhig im Stil, mit großen Ambitionen. 2014 wollte er bei der Europawahl als Spitzenkandidat der EVP für das Amt des Kommissionspräsidenten antreten, unterlag Juncker aber beim Parteikongress.

Der Absolvent einer Elitehochschule für Handel ist ein exzellenter Skifahrer. Seine Heimat, die Alpen, gäben ihm Kraft, sagte er einmal. 1992 organisierte er mit Jean-Claude Killy die Olympischen Spiele in Albertville. Barnier ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Söhne.(Thomas Mayer, 27.7.2016)

  • Michel Barnier gilt als Mann für alle Krisenfälle in Europa.
    foto: reuters/francois lenoir

    Michel Barnier gilt als Mann für alle Krisenfälle in Europa.

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