Mein Name ist Hasan

Kolumne28. Juli 2016, 09:58
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Der türkische Präsident agiert jenseits der Gesetze von Raum und Zeit

Ich fürchte, liebe Leserinnen und Leser, mit den meisten von Ihnen ein seit der Vorwoche schwer auf uns lastendes schlechtes Gewissen zu teilen. Wir haben einen Menschen enttäuscht. Nämlich Seine Exzellenz Hasan Gögüs. Botschafter der Türkei in Wien. In einem offenen Brief an heimische Tageszeitungen brachte er zunächst seine "Bestürzung" über, die Lage in der Türkei betreffende, "unfaire Kritik" in Form von "Meldungen, Karikaturen und Kommentaren" zum Ausdruck, um uns schließlich mit einem bitteren Vorwurf zu beschämen. Er hätte "erwartet, dass auch unsere österreichischen Freunde sich mit Fahnen in der Hand" den Pro-Erdogan-Demonstrationen "angeschlossen hätten".

Ja, ich bekenne meine Schuld und will versuchen, wenigstens ein bisschen wieder was gutzumachen. Also: Natürlich verliefen die Kundgebungen vorbildlich. Wenn beim Passieren eines kurdischen Lokals spontan dem alten Kulturvolk der Vandalen gedacht wird, ist das ebenso lobenswert, wie wenn kleinwüchsige Demo-Teilnehmer ihren Unmut über sichtbehindernde Vorderleute pointiert zum Ausdruck bringen, indem sie "Wer den Kopf erhebt, dem schneidet den Kopf ab" rufen.

Das nicht zu erkennen ist bezeichnend für eine Erdogan-feindliche Berichterstattung, die sich weigert, die Verdienste dieses Mannes gebührend zu würdigen. Die von ihm nun verfügte Schließung von 24 Radio- und Fernsehstationen ist ein mutiger Beitrag im Kampf gegen die mediale Reizüberflutung unserer Tage. Die Entlassung von über 30.000 Beamten ist konsequente Umsetzung von Bürokratieabbau. Der dadurch unter Druck geratene Arbeitsmarkt wird durch die Einführung der Todesstrafe sofort wieder entlastet. Die Verhaftung von Can Dündar, der Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an den IS aufgedeckt hatte, war Vorkehrung, um diesen tapferen Journalisten vor der Rache böser Mächte zu bewahren. Eine Präventivmaßnahme, deren Genuss noch zahlreichen anderen kritischen Journalisten großzügig gewährt wurde und wird. Genauso umsichtig war es, den Studenten Aykutalp Avsar mit einer 14-monatigen Haftstrafe vor dem Volkszorn zu schützen, nachdem dieser Erdogan "Diktator" genannt hatte. Das ist so respektlos, als würde man Lionel Messi als "Fußballer" bezeichnen oder Champagner als "Schaumwein".

Besonders niederträchtig ist die Kritik an Erdogans Hochschulpolitik. Dass türkische Akademiker bis auf weiteres ihr Land nicht mehr verlassen dürfen, zeugt von der Wertschätzung, die ihnen ihr Präsident entgegenbringt. Diese beruht vermutlich auf Erdogans einzigartiger universitärer Karriere. Seinen – in der Türkei für die Wahl zum Staatspräsidenten gesetzlich vorgeschriebenen – Hochschulabschluss hat er 1981 an einem Institut gemacht, das erst 1982 gegründet wurde. Auf einem Diplom beglaubigt ist Erdogans akademischer Grad vom Dekan und Rektor, die beide erst ab 1982 im Amt waren. Der türkische Präsident agiert also jenseits der Gesetze von Raum und Zeit.

Was mögliche weitere Gesetzesverstöße dieses mit menschlichen Maßstäben kaum mehr fassbaren Staatslenkers betrifft, will ich mich mit dem Herrn Botschafter solidarisch erklären: Mein Name ist Hasan, ich weiß von nichts. (Florian Scheuba, 27.7.2016)

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