Stoss über Bach: "Eine Person muss Kopf hinhalten"

27. Juli 2016, 15:35
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ÖOC-Präsident verteidigt Entscheidung des IOC: "Es darf und kann eigentlich keine Kollektivschuld geben" – Pechstein unterstützt Harting: "Bach lügt die Welt an"

Rio de Janeiro/Wien – Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, bekommt nach der viel kritisierten Russland-Entscheidung Rückendeckung von Karl Stoss. "Am Ende des Tages muss eine Person den Kopf hinhalten, aber die Entscheidung wurde ja nicht von ihm allein aus dem Blauen heraus getroffen, sondern nach Diskussion der 15 Exekutivkomiteemitglieder", sagte der ÖOC-Präsident.

Die IOC-Exekutive hatte sich am Sonntag trotz des Nachweises von Staatsdoping gegen einen kompletten Bann Russlands von den Sommerspielen in Rio de Janeiro entschieden, aber den Sportlern strenge Auflagen erteilt. "Kritik hätte es bei jeder Entscheidung gegeben. Es war in der Tat wahrscheinlich keine sehr einfache. Wenn man es emotional betrachtet, müssen wir klar für einen Ausschluss sein. Wenn man es dann aber nüchtern und sachlich betrachtet, und ich nehme an, das haben all die Damen und Herren auch gemacht, dann muss man sagen, es darf und kann eigentlich keine Kollektivschuld geben", meinte Stoss.

Hürden vs. Sumpf

Nach der Menschenrechtskonvention habe jeder das Recht auf ein faires, transparentes, offenes Verfahren, meinte Stoss, und es gäbe wahrscheinlich auch eine ganze Reihe von Sportlerinnen und Sportlern, die nie etwas mit Doping und einem Dopingsystem zu tun gehabt haben. Es wurde den russischen Athleten aber schwer gemacht, nach Rio zu gelangen. "Man hat Hürden eingebaut, damit sie herausgelöst werden aus diesem nationalen Sumpf. Und diese Auflagen sind schon nicht ganz ohne. Es sind ja nur Athleten zugelassen, die nie in ein Dopingverfahren verwickelt waren, das gilt auch für Funktionäre."

Das IOC spielte den Ball weiter, die Verantwortung, wer für Rio zugelassen wird, liegt nun bei den Internationalen Fachverbänden. Für Stoss nachvollziehbar. "Die Verantwortlichkeit für die Vorbereitung von Spielen liegt immer in den Fachverbänden. Wir als ÖOC bekommen ja die Sportler erst ganz knapp vor den Spielen, dann während der Spiele, und nach den Spielen gehen sie wieder in ihre Verbände oder Vereine." Einige Verbände haben bereits russische Athleten von Rio ausgeschlossen, so der Kanuverband – Österreich erbte zwei Quotenplätze – oder jene der Schwimmer, Ruderer, Segler. "Ich würde einmal die Behauptung aufstellen, dass die Mannschaft der russischen Föderation wahrscheinlich halb so groß sein wird, wie sie ursprünglich geplant war."

Auf Bach prallten auch Vorwürfe einer Befangenheit wegen seiner große Nähe zu Wladimir Putin ein. "Es steht mir nicht zu, dies zu beurteilen. Aber es ist natürlich wichtig, sich mit den jeweiligen Regierungsverantwortlichen oder Staatsoberhäuptern zu treffen. Russland war Austragungsort der letzten Winterspiele. Und in der Vorbereitung von solchen Spielen kommt man öfters mit Regierungsverantwortlichen zusammen. Da das russische System kein föderales ist, im Sinne da reden auch Gouverneure der Provinzen mit, sondern ein präsidiales, muss man halt direkt den Kontakt zum Präsidenten suchen", sagte Stoss, der selbst vor der Aufnahme in das IOC steht.

Was die vom IOC abgelehnte Akkreditierung für Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa als aktive Athletin in Rio betrifft, sieht Stoss, dass das IOC keine andere Möglichkeit hatte. "Das IOC hat Hürden aufgestellt, und Frau Stepanowa war selbst einmal gesperrt wegen Dopings. Man hat sie als Whisteblowerin begrüßt. Aber es war dann wohl ein Abwägen: Halten wir uns an die Kriterien, die wir gerade vereinbart haben, oder machen wir hier schon die erste Ausnahme."

Pechstein und Harting kritisieren Bach

Keine Ausnahme war jedenfalls die Kritik des deutschen Diskuswerfers Robert Harting an IOC-Chef Thomas Bach. Die deutsche Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein hat nämlich ihren Landsmann in seiner Kritik bestärkt. "Bach hat sich politisch kaufen lassen. Er lügt die Welt an, wenn er öffentlich predigt, es gelte für jeden Sportler die Unschuldsvermutung. Wie viel kann man als IOC-Präsident denn noch lügen?", sagte die Berlinerin der Deutschen Presse-Agentur.

Ihr eigener Fall sei der beste Beweis für die Unrichtigkeit von Bachs Äußerungen. "Da hat nie die Unschuldsvermutung gegolten. Wenn es sie gegeben hätte, wäre meine Verfahren neu aufgerollt worden", meinte Pechstein. Sie empörte sich darüber, dass Bach und das IOC vor dem Ausschluss der russischen Leichtathleten erst die Entscheidung des Sportgerichtshofes CAS abgewartet und sich in der Frage des Olympia-Banns von Sportlern anderer Disziplinen hinter den Fachverbänden versteckt hätten. "Das ist eine unglaubliche Art der Verdummung, die Bach da an den Tag legt", sagte Pechstein.

Pechstein war zwei Jahre zwischen 2009 und 2011 gesperrt, hatte Doping aber immer bestritten. Inzwischen liegen von Pechsteins Seite medizinische Beweise für ihre Unschuld vor, eine Rehabilitation ist nie erfolgt.

Diskus-Olympiasieger Harting hatte tags zuvor ebenfalls massive Kritik an Bach geäußert. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn", hatte der Berliner über den deutschen Spitzenfunktionär gesagt. (APA, 27.7.2016)

  • Stoss: "Wenn man es emotional betrachtet, müssen wir klar für einen Ausschluss sein. Wenn man es dann aber nüchtern und sachlich betrachtet, dann muss man sagen, es darf und kann eigentlich keine Kollektivschuld geben".
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Stoss: "Wenn man es emotional betrachtet, müssen wir klar für einen Ausschluss sein. Wenn man es dann aber nüchtern und sachlich betrachtet, dann muss man sagen, es darf und kann eigentlich keine Kollektivschuld geben".

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