Kirchenattentäter prahlte mit Terrorplänen und mordete trotz Fußfessel

27. Juli 2016, 14:07
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Frankreich fragt sich, warum der Attentäter kurz vor dem Mord aus der Haft entlassen wurde

Es war abzusehen gewesen. Nach der Schreckenstat in der Kirche von Saint-Étienne-du-Rouvray, bei der am Dienstag ein Priester getötet und eine Geisel schwer verletzt wurde, erhitzen sich die Gemüter in Frankreich vor allem an einer Frage: Wie konnte es sein, dass die Justiz den Hauptattentäter, einen rückfälligen Jihadisten, frei herumlaufen ließ? Adel Kermiche (19) war mit Hausarrest belegt, das Haus der Eltern in dem Normandie-Dorf durfte er aber zwischen 8.30 und 12.30 Uhr verlassen. Deshalb löste seine Fußfessel keinen Alarm aus, als er in der örtlichen Kirche einen Mord beging.

Verhängnisvolles Urteil

Verantwortlich für seine Freilassung war eine Untersuchungsrichterin, deren Name nicht bekannt ist. Sie wusste, dass Kermiche wegen psychischer Probleme betreut wurde und 2015 – nach den Anschlägen auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris – nach Syrien auszureisen versucht hatte. Nach einem zweiten Ausreiseversuch, den die Türkei vereitelte, kam der damals noch Minderjährige im Frühjahr 2015 wegen "terroristischer Umtriebe" in Haft. Ein Jahr später setzte ihn die Richterin mit einer Fußfessel in Freiheit.

Gemäß der Zeitung "Le Monde", die Einsicht in das Dossier erhielt, befand die Juristin, dass sich Kermiche "seiner Irrtümer bewusst geworden" sei; er sei "entschlossen, sich einzugliedern", und könne sich dabei auf die Hilfe seiner Eltern stützen. Letztere "denken aufrichtig, dass er sich geirrt habe und nicht mehr auszureisen versucht habe". Die Staatsanwaltschaft fand dies "wenig überzeugend" und warnte vor einem "sehr hohen Risiko der Tatwiederholung". Die Effizienz von Meldepflicht und Fußfessel sei "angesichts der Umstände völlig illusorisch". Die Berufungsrichter ließen Kermiche im März frei. Waren sie naiv?

In Saint-Étienne-du-Rouvray prahlte Kermiche sehr wohl offen mit seinen Syrien-Plänen. Und nicht nur das: Ein Jugendlicher sagte einem Radiosender, Kermiche habe ihm vor zwei Monaten angekündigt, er werde "sich eine Kirche vorknöpfen. Ich habe ihm nicht geglaubt, er sagte ständig solche Dinge." Ein anderer Bekannter sagte, Kermiche sei "eine Zeitbombe" gewesen. "Er war einfach zu bizarr. Er sprach ständig von Syrien und vom Islam, aber er war unfähig, auch nur eine Sure aus dem Koran aufzusagen. Wir wollten ihn verprügeln, um ihm das Zeug auszutreiben, aber wir sagten uns, vielleicht steht er ja in Kontakt mit dem IS."

Zahlreiche Festnahmen

Unterdessen wurden in Marokko am Mittwoch 52 mutmaßliche Anhänger der Terrororgruppe "Islamischer Staat" festgenommen, in Spanien und Italien gab es jeweils zwei Festnahmen. Nach dem Anschlag in der deutschen Kleinstadt Ansbach hat die Polizei Hinweise darauf, dass der Attentäter von einem Unbekannten in einem Chat beeinflusst wurde. "Es hat offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Attentatsgeschehen Einfluss genommen hat", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. (Stefan Brändle aus Paris, 27.7.2016)

  • Polizeipräsenz vor der Kirche Saint-Étienne-du-Rouvray am Tag nach dem Attentat.
    foto: reuters/rossignol

    Polizeipräsenz vor der Kirche Saint-Étienne-du-Rouvray am Tag nach dem Attentat.

  • Staatsanwalt François Molins gab noch am Dienstagabend eine Pressekonferenz zu den Ermittlungsergebnissen.

    Staatsanwalt François Molins gab noch am Dienstagabend eine Pressekonferenz zu den Ermittlungsergebnissen.

  • Massives Polizeiaufgebot.
    foto: reuters/pascal rossignol

    Massives Polizeiaufgebot.

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