Tim Kaine: Missionar, Musiker, Anwalt und Sündenbock

Kopf des Tages26. Juli 2016, 17:38
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Der Senator des US-Bundesstaates Virginia soll für die Demokraten jene Wählerschichten erreichen, die nichts von Hillary Clinton wissen wollen

Musik spielt im Leben von Tim Kaine eine wichtige Rolle. In ihr findet er Ablenkung und Ruhe, aber auch Kraft und Inspiration. Und daher wird er auch im Wahlkampf an der Seite von Hillary Clinton, als Kandidat für das Amt des US-Vizepräsidenten, seine Musiksammlung mitnehmen – und seine Mundharmonika – ein Instrument, das er, je nach Auskunftsperson, passabel bis geradezu virtuos beherrscht.

Zwar wird nicht jeder im Wahlkampfteam sein Faible für Bluegrass-Countrymusik teilen; es ist aber geradezu ein Symbol, wofür Kaine als "running mate" steht und welche seine Aufgabe ist: die bodenständigen Wähler anzusprechen, seien es jene Demokraten, die mit der spröden Clinton nichts anfangen können, seien es aber auch jene Republikaner, die Donald Trump nicht einfach so hinnehmen wollen.

Politik und Glauben

Als praktizierender Katholik vertritt Kaine zwar – im Vergleich zur weit größeren Gruppe aller protestantischen Konfessionen in den USA – nur eine Minderheit, doch die Art und Weise, wie der ehemalige Gouverneur und heutige Senator von Virginia Glauben und Politik in Einklang bringt, nötigt sogar erklärten Gegnern des 58-Jährigen Respekt ab.

Aufgewachsen in der Arbeiterperipherie von Kansas City als eines von drei Kindern eines streng katholischen Paares schottisch-irischer Herkunft, studierte Kaine zunächst Wirtschaft und Journalismus in Missouri, um dann doch ins juristische Fach zu wechseln. An der Harvard Law School lernte er seine künftige Ehefrau Anne Holton kennen, die Tochter eines ehemaligen Gouverneurs von Virginia, mit der er drei Kinder hat. Nat, der Älteste, ist bei den US-Marines.

Mit den Jesuiten in Honduras, mit Elvis Costello im Auto

Eine der prägendsten Erfahrungen Kaines war nach eigenen Angaben das eine Jahr, das er nach dem Studium in Jesuiten-Missionen in Honduras verbrachte. Dort lernte er auch Spanisch – ein Faktor, der in der stark wachsenden Latino-Community der USA wichtig werden könnte.

Kaine gilt als extrem geduldig und als guter Redner. Und wenn er sich auch selbst in TV-Interviews als "Langweiler" bezeichnet, so hat er zumindest ein humorvolles Verhältnis zu seinem eigenen Familiennamen: Wenn er nach konfliktreichen Meetings im Auto sitze und nach Hause fahre, lege er zur Entspannung gern eine CD von Elvis Costello ein: Blame it on Cain. Den Text kann er längst auswendig: "Gib Kain die Schuld, gib sie nicht mir / Es ist niemandes Schuld, aber wir brauchen ganz einfach einen Sündenbock." (26.7.2016)

KORREKTUR: Der missverständliche Satz bezüglich der Größe der christlichen Konfessionsgruppen nach dem Zwischentitel "Politik und Glauben" wurde umformuliert und mit einer Quellenangabe versehen. (gian, 28.7.)

  • Bluegrass-Fan und Katholik Timothy Michael "Tim" Kaine will unter Hillary Clinton US-Vizepräsident werden.
    foto: reuters/brian snyder

    Bluegrass-Fan und Katholik Timothy Michael "Tim" Kaine will unter Hillary Clinton US-Vizepräsident werden.

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