Nach dem türkischen Putsch kommt das Verschwörungsfieber

26. Juli 2016, 17:12
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Erdoğan attackiert die EU in der Flüchtlingsfrage, der Boulevard schießt sich auf die USA ein

Ankara/Athen – Die jährliche große Sommersitzung der türkischen Militärführer hat er auf diese Woche vorverlegt und auf einen Tag zusammengekürzt. Das Ziel seiner ersten Auslandsreise nach dem gescheiterten Putsch ließ er am Dienstag auch schon ankündigen: 9. August, Sankt Petersburg, zu Wladimir Putin. Der türkische Staatspräsident Tayyip Erdoğan sitzt wieder fest im Sattel.

Ein schnell arrangiertes Interview mit der deutschen ARD nutzte er am Montagabend für Attacken gegen die EU. "Die europäischen Regierenden sind nicht aufrichtig", sagte Erdoğan einmal mehr wegen der versprochenen, aber nicht eingetroffenen Milliardenhilfe. Das Flüchtlingsthema und Erdoğans Wut über die Hinhaltetaktik der Europäer haben den Putsch überdauert.

"Säuberungswelle" erklärt

Nur an einer Stelle in dem halbstündigen Gespräch mit Sigmund Gottlieb, dem konservativen, der CSU nahestehenden Direktor des Bayerischen Fernsehens der ARD, kam Erdoğan kurz aus dem Tritt. Das war ausgerechnet bei der Frage, wie er, Erdoğan, die massive Säuberungswelle im Justizapparat, in Schulen und an Universitäten erkläre, die sofort nach dem Scheitern des Putsches begann, aber doch eigentlich nichts mit dem Militär zu tun habe.

"Schritte" seien unternommen worden gegen die "illegalen Schritte" des Putschversuchs, antwortete Erdoğan. "Dort, wo Leute sich konzentriert haben", sei angesetzt worden. "Das ist in der Justiz der Fall, im Militär. Es gibt bestimmte Punkte, wo sie auch mit dem Ausland in Verbindung stehen", erklärte der Staatschef und zeichnete ein Rechteck in die Luft.

Regierungstreue Boulevardblätter halten weiter unbeirrt an einer großen Verschwörungstheorie fest: Die USA haben den Putsch geplant im Verein mit dem in Pennsylvania lebenden türkischen Prediger Fethullah Gülen. Achteinhalb Monate lang habe der frühere US-General John F. Campbell mit den Gülenisten im türkischen Militär den Plan ausgearbeitet: Kodename "Safari". Einen Stützpunkt für das US-Militär nahe dem Gebiet der syrischen Kurdenmiliz PYD hätten die türkischen Putschisten den Amerikanern versprochen.

Brief der Senatoren

Sechs US-Senatoren, unter ihnen der Republikaner Marco Rubio, hätten in einem Brief an US-Außenminister John Kerry im vergangenen Februar den türkischen Staatschef Erdoğan als "radikal" bezeichnet und – so behauptet das Blatt "Takvim" am Dienstag – als Alternative die Unterstützung Gülens empfohlen. Auslöser für den Brief der Senatoren waren die von Erdoğan befohlenen Angriffe auf Stellungen der PYD, einen Verbündeten der USA im Kampf gegen die Terrormiliz IS in Syrien. Sowohl der frühere General Campbell als auch US-Präsident Barack Obama selbst haben die Vorwürfe aus der Türkei über eine angebliche Beteiligung oder wenigstens eine Mitwisserschaft an dem Putsch zurückgewiesen.

Im Interview mit der deutschen ARD beschuldigte Erdoğan auch erneut die Gülen-Bewegung, hinter dem Putsch vom 15. Juli zu stehen: "Das ist eine Terrororganisation. Gegen diese Terrororganisation hat der Staat seinen Reflex gezeigt. Mit diesem Reflex hat man den Putsch vereiteln können. Ich sage nicht, dass es schon vorüber ist." Erdoğan ließ deshalb auch offen, ob der Ausnahmezustand nicht um weitere drei Monate verlängert werden könnte.

"Ehrbarer und weiser Mann"

Die Hexenjagd auf angebliche Mitglieder der Gülen-Bewegung in Verwaltung, Medien, Schulen und auch Unternehmen – Turkish Airlines soll in den vergangenen Tagen allein 211 Angestellte entlassen haben – lässt vergessen, dass Erdoğans Partei AKP jahrelang mit Gülen verbunden war. Die Gülen-Bewegung lieferte nach der Regierungsübernahme der AKP 2002 qualifiziertes Personal für die Staatsverwaltung, das Erdoğans Partei nicht hatte.

Der Opposition war das nicht entgangen. Als ein Abgeordneter der sozialdemokratischen CHP 2011 von der "Bande" der Gülenisten sprach, die den Staat unterwandert habe, war es der heutige Justizminister Bekir Bozdağ, der Gülen im Plenum als "ehrbaren und weisen Mann" verteidigte.

Anfang 2012 wurden gleichwohl die ersten Spannungen sichtbar. Die Justiz wollte plötzlich den amtierenden Geheimdienstchef und dessen Vorgänger verhören; Polizisten umstellten den Sitz des Geheimdienstes MIT in Istanbul. Gülen wollte seine Macht zeigen, wie sich bald herausstellte. Doch AKP-Politiker wie der spätere Vizepremier Yalçin Akdoğan rühmten die Harmonie zwischen den beiden islamistischen Partnern: "Ein Organ eines Menschen kann kein feindseliges Gefühl gegen ein anderes Organ hegen." (Markus Bernath, 27.7.2016)

  • Einst Verbündete, mittlerweile Todfeinde: Der türkische Staatspräsident Erdoğan drängt auf die Auslieferung des Predigers Gülen aus den USA. Die Opposition schließt sich dem nun an.
    foto: apa / afp / ozon kose

    Einst Verbündete, mittlerweile Todfeinde: Der türkische Staatspräsident Erdoğan drängt auf die Auslieferung des Predigers Gülen aus den USA. Die Opposition schließt sich dem nun an.

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