Popfest: Ein Ausbruch aus der Gleichform

27. Juli 2016, 08:00
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Am Donnerstag beginnt die siebente Ausgabe des Gratisfestivals auf dem Wiener Karlsplatz

Wien – Die Zeiten, da man sich in Österreich maximal 20 heimische Bands freiwillig bei einem Konzert antun wollte, dürften ein Vierteljahrhundert her sein. Nach dem Austropop-Vakuum der 1980er-Jahre und dem Boom der Wiener Elektronikszene in den 1990er-Jahren – und schließlich auch nach der Installierung des immerwährenden Indie-Pops mit dem ORF-Sender FM4 – haben sich heute längst Infrastrukturen entwickelt, die heimischen Künstlern zumindest im regionalen und zart überregionalen Rahmen eine Chance geben, sich auch live präsentieren zu können. Ob es dann für eine Karriere reicht, hängt, wie bei so vielem im Leben, vom entsprechenden (Durchhalte-)Willen der Beteiligten, einem gewissen Bienenfleiß, Nettworking mit der Betonung auf dem doppelten T sowie König Zufall ab.

Die aktuellen Erfolgsgeschichten drüben in Deutschland mit Bilderbuch und Wanda fußen zwar auf der Vorarbeit von Acts wie Der Nino aus Wien, Kreisky und Ja, Panik. Sie dürften, wie im Spitzentrendsport üblich, allerdings auch die großen Ausnahmen darstellen.

Unüberschaubar, gleichförmig

Das mittlerweile längst unüberschaubare Angebot an heimischen Acts führt dazu, dass bei dem jährlichen Gratisfestival Popfest Wien rund um den Karlsplatz seit 2010 jährlich zwischen 60 und 80 Bands und Einzelkünstler auftreten können, ohne dass dabei qualitativ ein gehobenes Mittelmaß unterschritten werden würde. Allerdings macht sich in den Einzelsparten zwischen Indie-Pop, Alternative Rock, Elektronik mit Gesang, Hip-Hop und neuerdings auch wieder Wiener Lied und Austropop oft eine gewisse Gleichform breit.

Daher ist es, speziell auch hinsichtlich eines mit Gratisfestivals ursächlich verbundenen Laufpublikums, sehr schwierig, aus der Masse auszubrechen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Einzelkonzerte in heimischen Clubs vor schütterem Publikum gegen Eintritt rücken das Bild mit jährlich rund 50.000 Besuchern des Popfests regelmäßig drastisch zurecht.

Doch einiges zu entdecken

Kuratiert wird das diesen Donnerstag startende Popfest Wien heuer von Musikerin Ankathie Koi (Fijuka) und Journalist Gerhard Stöger, dem Herausgeber des verdienten "Wien.Pop"-Buchs aus dem Jahr 2013. Neben erwartbaren Acts wie dem gehypten Neo-Austropop-Helden Voodoo Jürgens, den international längst erfolgreichen Jazz-Elektronikern Ogris Debris, Schlagerpopkönig Fuzzman und dem avancierten Songwritertum von Schmieds Puls gilt es in der Masse dann aber doch einiges zu entdecken.

Musikveteran Christian Fuchs hat nach den Buben im Pelz und ihrem wienerischen Velvet-Underground-Programm mit dem Black Palms Orchestra und dem Album"Sad Moon Rising" derzeit ein atmosphärisch-schwelgerisches Programm am Start, das beherzt zwischen David Lynch, Lana Del Rey oder Lee Hazlewood pendelt. In der Nachfolge Wandas werden Grant hoch gehandelt. Queer-Punk kommt von Lime Crush, die White Miles spielen Stoner-Rock, Musser & Schwamberger sowie Sad Francisco singen Wiener Lieder im weitesten Sinn. Schauen wir halt vorbei. (Christian Schachinger, 27.7.2016)

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Popfest

  • Christian Fuchs und sein zwischen David Lynch und Lee Hazlewood wilderndes Black Palms Orchestra dürften einen der Höhepunkte beim Popfest Wien darstellen.
    foto: klaus pichler

    Christian Fuchs und sein zwischen David Lynch und Lee Hazlewood wilderndes Black Palms Orchestra dürften einen der Höhepunkte beim Popfest Wien darstellen.

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