Regisseur Gianfranco Rosi: "Am meisten fürchte ich die Mauern im Kopf"

Interview26. Juli 2016, 14:48
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Eine Insel als Metapher für das Flüchtlingsdrama Europas: Regisseur Gianfranco Rosi über seinen auf der Berlinale prämierten Film "Seefeuer", der Episoden von Lampedusa erzählt

STANDARD: Der Film erzählt von der Flüchtlingskrise in Europa: Was wollen Sie damit bewirken?

Rosi: Mit Filmen und Büchern verändert man nicht die Welt. Man kann aber dazu beitragen, Probleme bewusstzumachen. Millionen Menschen gehen ins Kino. Auf politischer Ebene weiß ich nur, dass Matteo Renzi am Brüsseler Gipfel, ohne mein Wissen, 27 DVDs des Filmes seinen Kollegen überreicht hat. Am selben Tag wurde der Deal mit der Türkei unterzeichnet: eine Schande für Europa.

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Die Inselausflüge des zwölfjährigen Samuele laufen völlig unbehelligt von den Tragödien ab, die sich auf dem Meer vor der Insel Lampedusa abspielen: Gianfranco Rosis "Seefeuer" beschreibt Welten, die sich nicht überschneiden, aber dennoch durchdringen.

STANDARD: Mit der Schließung der Balkanroute wurde das Mittelmeer wieder zum Ziel von Schleppern. Was halten Sie von der jüngeren Abgrenzungspolitik verschiedener EU-Länder wie Österreich?

Rosi: Niemand wird die Menschen stoppen können. Millionen fliehen vor dem Krieg, und Mauern und Stacheldraht werden niemanden aufhalten. Alleingänge einzelner Staaten sind nicht akzeptabel. Europa muss zu einer gemeinsamen Politik kommen, Entscheidungen treffen, die nicht der Not von heute oder morgen entspringen. Ansonsten wird die EU versagen. Wovor ich mich am meisten fürchte, sind die Mauer im Kopf, die Ängste. Die Tauschpolitik, die Merkel mit der Türkei vereinbart hat, wird das nicht lösen: Drei Millionen Visa gegen das Leben von Menschen zu tauschen, das geht nicht.

STANDARD: Sie haben Vergleiche zum Holocaust gezogen, ist das nicht übertrieben?

Rosi: Ich habe gesagt, es ist die größte Tragödie, die wir in Europa nach dem Holocaust erleben: eine fürchterliche Anzahl an Menschen, die im Meer stirbt. Wie kann es sein, dass ein Kontinent mit 500 Millionen Einwohnern nicht in der Lage ist, eine humanitäre Brücke zu organisieren, um die 300.000 Menschen aufzunehmen, die aus Libyen vor Tod, Folter, Krieg und Hunger fliehen?

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STANDARD: Für den Film haben Sie einen antijournalistischen Stil gewählt. Sie erzählen aus der Sicht eines zwölfjährigen italienischen Buben.

Rosi: Ich mag es, Geschichten zu erzählen. Die Herausforderung lag in den vielen Bildern und Nachrichten der Medien. Ich wollte zu dieser Info-Flut nichts beitragen, sondern ein Stimmungsbild, Gefühle zeigen.

STANDARD: Der Film ist stark von der Dimension Raum-Zeit geprägt: Hat der Zufall in die Auswahl der Protagonisten, des Kindes und des Inseldoktors, hineingespielt?

Rosi: Es ist alles aus Zufall entstanden, auch die Begegnungen, die dann zwingend geworden sind. Wenn ich in einen Ort komme, habe ich zuerst keine Ahnung, was ich drehen werde. Die Begegnungen sind entscheidend. Man verliebt sich in Charaktere, die dann die Protagonisten werden. Ich bin an der inneren Gemütsverfassung interessiert. Durch Samuele (der auf der Insel wie ein normales Kind aufwächst) wird man an die Welt jenseits von Lampedusa erinnert. Eine Welt, die wir nicht kennen, schwer verstehen. Es ist eine Metapher für unserer Welt, die sich schwertut, die Welt der Flüchtlinge zu verstehen.

STANDARD: Man sieht auch dramatische Szenen mit Toten: Wie haben Sie sich dem Tod genähert?

Rosi: Der Tod kommt in der letzten Filmsequenz vor. Ich habe ihn nicht gesucht, er ist mir entgegengekommen, der Endpunkt. Ich war nicht vorbereitet. Ich war seit über 40 Tagen auf einem Militärschiff. Rettungen waren Routine, und dann plötzlich kam der Tod. Während einer Umladung hat man die Leichen entdeckt. Ich stand vor zwei Alternativen: entweder wegschauen oder mich damit auseinandersetzen. Ich habe mich mit der Frage herumgequält und mich dann für die zweite Variante entschieden. Hinterher habe ich verstanden, dass der Film gerade daraufhin ausgerichtet war: Der Tod war der Ein- und Ausgang, ein Weg zur und aus der Tragödie.

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Gianfranco Rosi: "Ich bin an der inneren Gemütsverfassung interessiert."

STANDARD: Hat Sie der Film persönlich verändert?

Rosi: Jeder Film tut das, und dieser mehr als alle anderen, weil ich mit etwas Historischem konfrontiert war: mit einer Katastrophe. Ich habe diese dramatischen Augenblicke gefilmt, und danach war Schluss. Ich sagte dem Cutter am Schneidetisch, ich kann nicht mehr weitermachen. Ich konnte die Kamera nicht mehr in die Hand nehmen. Das war für mich wie eine Katharsis.

STANDARD: Beabsichtigen Sie auch einmal, einen leichten Film zu drehen?

Rosi: In all meinen Filmen ist auch Leichtigkeit dabei. Seefeuer ist sicherlich politisch, aber ich habe ihn nicht mit politischen Absichten gedreht. Meine Filme enthalten keine politischen Botschaften. Bei jedem neuen Film starte ich von null und vergesse, was ich davor gemacht habe. Ich fange nie mit einer vorgefassten Idee im Kopf an. Ich gehe von einer sehr kleinen Anregung aus, und dann höre ich zu. (Flaminia Bussotti, 26.7.2016)

Ab Freitag im Kino

Gianfranco Rosi, 1964 in Eritrea geboren, ist ein italienischer Dokumentarfilmemacher. Mit "Sacro GRA" gewann er 2013 den Goldenen Löwen des Filmfestivals Venedig.

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