Drohende Rezession könnte Position der Briten gegenüber EU stärken

26. Juli 2016, 14:32
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Eine Binnenmarkt-Teilnahme ohne Personenfreizügigkeit scheint nicht mehr ausgeschlossen

London – In Großbritannien mehren sich die Anzeichen, dass sich das Land mit dem EU-Austrittsvotum wirtschaftlich in die Bredouille bringen könnte. Konjunkturindikatoren haben sich in den vergangenen Tagen merklich verschlechtert, und die Notenbank warnt, dass sie wenig gegen ein Abrutschen des Königreichs in eine Rezession unternehmen könne.

Positive Signale kommen dagegen von der Verhandlungsebene. Es gibt Hinweise darauf, dass Großbritannien nach einem EU-Austritt weitgehend vom Binnenmarkt profitieren könnte. Demnach würden Waren, Dienstleistungen und Kapital weiterhin ungehindert in der Union zirkulieren, lediglich bei der für die Briten so sensiblen Personenfreizügigkeit käme es zu Einschränkungen.

Notbremse im Gespräch

Laut der britischen Sonntagszeitung "Observer" liegt die Idee einer Notbremse auf dem Verhandlungstisch, mit der die Zuwanderung von EU-Bürgern für sieben bis zehn Jahre gestoppt werden könne. Dieses Konzept wurde von Brüssel zwar stets als Rosinenpicken abgelehnt, allerdings soll es angesichts des drohenden Wirtschaftsabschwungs eine Umorientierung geben. Vor allem der in der Frage restriktive französische Präsident François Hollande habe seine strikte Ablehnung aufgegeben.

Dass die britische Wirtschaft – und in milderer Form auch die europäische – vom Brexit stark betroffen sein könnte, darauf gibt es immer mehr Hinweise. Laut einer kürzlich publizierten Umfrage des Instituts IHS Markit unter rund 1.000 Firmen hat das EU-Austrittsvotum die Wirtschaft auf der Insel so scharf abstürzen lassen wie seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise Anfang 2009 nicht mehr. Mehrere Ökonomen und Investmentbanken rechnen mit einer Abrutschen des Landes in die Rezession. Credit Suisse rechnet zudem mit 500.000 Jobs, die verlorengehen dürften.

Notenbank besorgt

Auf diese Entwicklungen hat auch ein Notenbanker besorgt reagiert. Der Währungshüter Martin Weale sagte der "Financial Times" vom Dienstag, die jüngsten Daten aus der Industrie und dem Dienstleistungssektor seien weit schlechter ausgefallen als gedacht. Das Bank-of-England-Mitglied wies darauf hin, dass Gegenmaßnahmen der Notenbank Zeit brauchten, um Wirkung zu entfalten. Weale erwartet von der nächsten Notenbank-Sitzung im August einen Stimulus. An den Märkten wurde das als Signal in Richtung Zinssenkung interpretiert, worauf das Pfund seine Talfahrt beschleunigte. Die Währung gab auf 1,30 Dollar nach. (as, 26.7.2016)

  • Die EU-Anhänger konnten sich nicht durchsetzen, jetzt drückt der Brexit auf die Konjunktur.
    foto: reuters/tom jacobs

    Die EU-Anhänger konnten sich nicht durchsetzen, jetzt drückt der Brexit auf die Konjunktur.

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