Türken in Wien: Eine gespaltene Community

Reportage mit Video26. Juli 2016, 11:38
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Präsident Erdoğans Durchgreifen nach dem Putsch zeigt auch in in Österreich Wirkung. Kritiker verzichten großteils auf Äußerungen in der Öffentlichkeit

Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei hat auch in Österreich für Aufruhr gesorgt. Nachdem tausende Personen an Pro-Erdoğan-Demonstrationen in Wien und Vorarlberg teilgenommen haben, befasst sich die heimische Politik und Medienlandschaft intensiv mit dem Thema.

Politiker mehrerer Parteien haben die Demonstrationen, bei denen der Name des türkischen Präsidenten sowie "Sag es, und wir töten, sag es, und wir sterben!" skandiert wurde, verurteilt. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) reagierte ebenso auf die Aufmärsche: "Wer sich in der türkischen Innenpolitik engagieren will, dem steht es frei, unser Land zu verlassen."

Inmitten dieser Spannungen ist DER STANDARD auf Wiens Straßen gegangen, um herauszufinden, wie die in Österreich lebenden türkischstämmigen und türkischen Bürger zu dem Putsch und den darauffolgenden Demonstrationen stehen.

Den Probanden wurden jeweils vier Fragen gestellt:

  • Wie beurteilen Sie den Putschversuch in der Türkei?
  • Was denken Sie über die Pro-Erdoğan-Demos in Wien?
  • Wie betrachten Sie die Debatte über die Einführung der Todesstrafe in der Türkei?
  • Wie reagieren Sie auf die jüngsten Türkei-Aussagen des österreichischen Außenministers Sebastian Kurz?

Gespaltene Community

Nach dem Putschversuch zeigt sich die austrotürkische Community gespalten. Auf der einen Seite positionieren sich die konservativ-islamischen Anhänger Erdoğans, die frei und hemmungslos ihre Meinung sagen. Ihnen gegenüber steht eine fragmentierte Opposition aus Liberalen, Linken, Kurden, Alewiten und Gülen-Anhängern. Vor laufenden Kameras trauen sich nur die wenigsten Kritik zu äußern.

In Abwesenheit der Kamera sind die meisten Kritiker redseliger. "Ich will nicht vor der Kamera meine Meinung sagen, weil mein Mann mit der türkischen Community arbeitet. Meine Ansichten über die türkische Innenpolitik könnten negative Folgen für ihn haben", sagt eine 50-jährige Händlerin. Zu scharfe Kritik könne aber auch negative Folgen bis hin zu Repressalien für ihre Familienmitglieder in der Türkei haben.

Nicht vor der Kamera

Seit die türkischen Behörden eine Hotline zur Denunziation von Anhängern der Gülen-Bewegung eingerichtet haben, wird auch in Österreich weitgehend auf öffentliche Präsidenten- und Regierungskritik verzichtet. Egal ob in Videos, Twitter- oder Facebook-Einträgen, die Einschüchterungen haben Wirkung gezeigt.

derstandard.at

"Wir fliegen nächste Woche in die Türkei und haben Angst vor Denunziationen", erklärt eine Gruppe von Jugendlichen in der Wiener Innenstadt. "Wir verzichten auch auf kritische Anmerkungen im Internet. Es ist uns nicht klar, was uns aufgrund des Ausnahmezustands in der Türkei passieren kann."

Sobald die Kamera abgeschaltet ist, hagelt es Kritik. "Erdoğan hat den Putsch inszeniert", ist eine Gegnerin des Präsidenten sicher. "Erdoğan will seine Diktatur ausbauen", meint ihr Bruder. Eine junge Studentin vermutet ebenfalls eine Inszenierung und fragt: "Wie ist es möglich, dass Erdoğan die schwarzen Listen schon am Tag des Putsches in der Hand hatte?" (Balazs Csekö, Siniša Puktalović, 26.7.2016)

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