Willkommenskultur war einmal

Kommentar25. Juli 2016, 17:46
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Die Anschläge in Deutschland werden zur politischen Last für Angela Merkel

Wandern in Südtirol, Zwetschkenkuchen im Ferienhaus in Brandenburg backen, in Bayreuth Wagner hören. So sieht der ideale Urlaub der deutschen Kanzlerin Angela Merkel aus, der soeben beginnt. Drei Wochen lang sind eigentlich keine öffentlichen Auftritte geplant. Ob sie dieses Ferienvorhaben einhalten kann, wird allerdings nach den drei Anschlägen in Bayern im politischen Berlin bezweifelt.

Denn die Schreckenstaten in Würzburg, München und Ansbach dürften bei Merkel die Alarmglocken läuten lassen. Natürlich, die Kanzlerin ist schockiert und betroffen wie Millionen andere Menschen auch. Doch binnen kürzester Zeit hat die mittlerweile fast schon routinierte Bekundung von Beileid und Mitgefühl einen bitteren Beigeschmack bekommen. Es geht jetzt nicht mehr um Tote und Verletzte jenseits der deutschen Landesgrenzen – in Nizza oder Paris.

Die Opfer sind Deutsche, die in Deutschland verletzt wurden oder starben. Und die Angreifer waren lauter junge Männer: ein 2015 eingereister Afghane oder Pakistaner (Würzburg), ein in Deutschland geborener junger Mann, dessen Eltern aus dem Iran stammen (München), und ein Syrer, dessen Asylantrag abgewiesen worden war, der jedoch in Deutschland geduldet war (Ansbach). Beim Mord in Reutlingen (Baden-Württemberg) dürfte es sich um eine Beziehungstat gehandelt haben. Dennoch bleibt auch hier hängen: Ein Syrer hat eine Frau erstochen.

Es ist nicht schwierig vorauszusagen, welche Schlussfolgerungen viele Menschen in Deutschland daraus ziehen werden – zumal die Alternative für Deutschland (AfD) bereits eilfertig Hilfestellung leistet: Die Fremden, die uns Merkel ins Land geholt hat, sind schuld an all dem Irrsinn. Das haben wir nun davon, dass "die" alle in unser schönes Deutschland durften.

Da können deutsche Regierungsmitglieder und auch andere Mahner noch so sehr darum bitten, nun nicht alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen, und darauf hinweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge in ihrer Heimat selbst Opfer von Verfolgung wurde und in friedlicher Absicht nach Deutschland kam – sie werden mit ihrer Botschaft zu vielen Deutschen nicht mehr durchdringen können.

Die sexuellen Übergriffe von Köln in der Silvesternacht 2015 markierten bereits eine tiefe Zäsur in Merkels Willkommenskultur. Selbst viele jener, die der Politik der offenen Grenzen nach dem September 2015 noch wohlwollend gegenüberstanden, änderten damals ihre Meinung und fanden, die Bundeskanzlerin habe Deutschland nicht nur durch die hohe Zahl der Neuankommenden überfordert, sondern auch wegen offensichtlicher Unvereinbarkeit der Kulturen.

Merkel stand im Sturm, doch sie überstand ihn nicht zuletzt, weil die Zahl neuer Flüchtlinge durch die Schließung der Balkanroute stark zurückgegangen war. Nun jedoch, da Tote und Verletzte zu beklagen sind, ist ihr "Problem" mit sehr viel größerer Wucht zurückgekehrt.

Und auch jener Kanzlerin, die vor nicht einmal einem Jahr noch regelmäßig zuversichtlich "Wir schaffen das" verkündete, wird deutlich vor Augen geführt, dass Hunderttausende kurzfristig aufzunehmen das viel kleinere Problem ist – im Vergleich zu jener gesellschaftlichen und politischen Herausforderung, die Deutschland nach diesen schrecklichen Anschlägen zu bewältigen haben wird. (Birgit Baumann, 25.7.2016)

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