Michael Landy: Der kaputten Gesellschaft aus der Reihe getanzt

Ansichtssache26. Juli 2016, 08:00
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Der britische Künstler hat alles, was er besaß, zerstört und in dieser Destruktion sein zentrales Werk geschaffen: Das Museum Tinguely in Basel präsentiert einen Künstler, der auch jenseits von "Break Down" mit einem gesellschaftspolitisch authentischen Werk besticht

Michael Landys Mut und seine Konsequenz brachten 2001 viele Londoner zum Staunen: "Davon träumen viele Menschen, aber niemand hat wirklich den Schneid, es auch zu tun". In einer zweiwöchigen Aktion zerstörte der britische Künstler damals alle seine Besitztümer: Break Down.

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"The Man Who Destroyed Everything" – BBC-Dokumenation zu Michael Landys Aktion Break Down (2001)

Landy befreite sich in Break Down von allem – nicht nur von seinem Saab 900, der Plattensammlung mit den Bowie-Scheiben, Tisch und Bett, sondern auch von seinem Pass, seiner Geburtsurkunde und seinen unverkauften Kunstwerken. "Ich will nicht besessen werden von meinen Besitztümern", erklärte der Künstler damals seine Motivation, sich von allem Materialistischen zu trennen, dem kapitalistischen Du-bist-was-du-besitzt eine der radikalsten Absagen überhaupt zu erteilen.

An einem Fließband in einem ehemaligen Konsumtempel der Oxford Street zerlegte ein zwölfköpfiges Team seine Besitztümer in ihre Einzelteile, zum Schluss wurde geschreddert, 5,75 Tonnen Granulat dem Recycling zugeführt. Für den guten Zweck verschenken wollte Landy sein Eigentum nicht, er entschied sich bewusst für die Destruktion: Nicht das Wohltätige, sondern vielmehr die Lust an Zerstörung mache das Wesen der Gesellschaft aus.

foto: 2016 museum tinguely, basel; foto: daniel spehr
Inventar von Landys gesamten zerstörten Hab und Gut aus Break Down (2001)

Etwas ohnmächtig steht man nun im Museum Tinguely in Basel vor dem Waren-Inventar eines Lebens: 7277 Objekte – die Liste füllt eine ganze Wand. Die Euphorie der Dokumentation The Man Who Destroyed Everything ist allerdings ansteckend, der Sound von David Bowies Heroes tut das Übrige: Hätte man die Kreditkarte eingesteckt, sie wäre schon im Schlund von Landys Zerstörungsmaschine gelandet, die hier mit Scheren, Sägen, Rädern, Armen und Plastikgetier in bester Jean-Tinguely-Maschinenkunst-Manier für Wirbel sorgt.

foto: 2016 museum tinguely, basel; foto: daniel spehr
Einblick in die Ausstellung Out Of Order von Michael Landy im Museum Tinguely in Basel mit der Installation Credit Card Destroying Machine (2010) und u.a. den grünen Markständen der Installation Market (1990).

Wer ist dieser Michael Landy? Was ist das für ein Künstler, der 1998 am Küchentisch darüber sinniert, wie er jetzt, wo es gerade so gut läuft – er hat gerade eine Arbeit an die Tate verkauft -, alles total vermasseln könnte. Das war der Moment, in dem er entschied, all sein Hab und Gut zu vernichten. Die Aktion selbst stand er nur mit Beruhigungsmitteln durch, er durchzechte die Nächte. Es waren aber auch die glücklichsten seines Lebens, sagt er.

Aller Anfang war jedoch Recherche – und der führte etwa vom Handbuch für Recycling-Techniken über Gustav Metzgers Auto-Destructive Art auch zu Jean Tinguelys selbstzerstörender Maschine Homage to New York (1960) und somit auch zum Museum in Basel, das einige Relikte des alten Maschinchens bewahrt. Fast 20 Jahre später ist es Landy, dem das Haus eine Retrospektive widmet: In Out Of Order präsentiert Kurator Andres Pardey aber nicht nur jemanden, der aus der Reihe der Gleichgeschalteten tanzt, sondern der auch das Kaputte und das als "kaputt" Ausrangierte in unserer Gesellschaft zum Thema macht.

"Crazy, Crazy, Crazy", kreischt ein Marktschreier schon fast hysterisch. Es ist Landys Stimme, die aus einem Einkaufswagen voller Unsinn – kitschige Blumenstillleben, blaue Plüschhasen – dringt. Sie überschlägt sich fast, während sie galoppierend die "Schnäppchen! Schnäppchen! Schnäppchen!" des einmaligen, niemals wiederkehrenden Monster-Sales und dessen selbstmörderische Rabatte preist. "Alles muss raus."

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Formal Von Tinguely inspiriert ist Michael Landys Märtyrerserie Saints Alive, die in diesem Video zu sehen ist; inhaltlich folgt diese Werkgruppe aber einer Residence in der Londoner National Gallery 2010-2013

Closing Down Sale heißt diese Arbeit, die 1992 mitten in der Pfundkrise entstand und zeigt, dass Landys Fokus auf Konsum und Warenwelt weit vor Break Down begann. 1990 installierte er 100 der typisch britischen, weil mit grünem Kunstrasen ausgelegten Marktstände, jedoch gänzlich ohne Produkte.

Verkauft hat er damals nicht. Es bleibt dahingestellt, ob sich Landy mit seiner kapitalismuskritischen Kunst selbst auch aus dem "Warenzyklus" genommen hat; Ex-Galerist Karsten Schubert nannte den 1963 Geborenen, der am Goldsmith College in derselben Klasse wie Gary Hume und Damien Hirst studiert und an Saatchis legendärer Freeze-Ausstellung teilgenommen hat, jedenfalls ein "teures Hobby".

Prägende Thatcher-Jahre

Geprägt hat Landy jedenfalls die Thatcher-Ära, die starken Umbrüche der 1970er- und 1980er-Jahre: das Zerschlagen der Schwerindustrie, das Bekämpfen der Gewerkschaft und die Umwandlung Großbritanniens zur Dienstleistungsgesellschaft. 1977 wird Landys Vater als Tunnelarbeiter verschüttet und bleibt zeit seines Lebens arbeitsunfähig: ein "total wreck case". Als Antwort auf solch zynische Begriffe und die Arbeitsmarktpolitik gründet Landy die Scrapheap Services-GmbH, also ein Schrotthalden-Service, der solche Restposten entsorgt: Als kleine Pappfiguren konnte man die überflüssig Gewordenen beim Müllsammeln aufspießen. Bitterböser Sarkasmus von einem radikal-authentischen Künstler, von dem bisher hierzulande viel zu wenig zu hören war. (Anne Katrin Feßler, 26.7.2016)

Museum Tinguely, bis 25. September

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foto: 2016 museum tinguely, basel; foto: daniel spehr

Michael Landy: Saint Francis Lucky Dip (2013, 284 x 160 x 343 cm, Fiberglas, Metall, Holz)

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