"Smells Like Wien Spirit": Die olfaktorische Seele Wiens entdecken

26. Juli 2016, 12:47
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Eugene Quinn von der Kulturplattform "Space and Place" geht mit Touristen und Ortsansässigen auf die Suche nach für Wien typischen Gerüchen

Wien – "Wien riecht sehr gut", sagt Eugene Quinn, während er an einem heißen Freitagnachmittag am Wiener Gürtel steht. Von dem in der sommerlichen Hitze brütenden Asphalt steigt ein subtiler Uringeruch auf, der sich mit jenem des fettigen Fleisches eines Imbissstands vermischt.

Trotzdem scheint der Brite, der sich mit ausgefallenen Touren dem Zu-Fuß-Gehen in der Stadt widmet, recht zu haben: Er muss zwar rufen, um den Lärm zu übertönen, der durch das hohe Verkehrsaufkommen entsteht, der Abgasgestank hält sich aber in Grenzen: "Das ist in anderen Großstädten ganz anders", sagt Quinn.

Karamell und Bratfett

Er führt, um sein Einstiegsargument zu untermauern, seine Zuhörer in eine türkische Bäckerei auf der anderen Straßenseite, wo der Duft nach Karamell und Butter in der Luft liegt. Und später geht es, vorbei an einem Würstelstand und dem Hinweis auf den spezifischen Geruch einer Bierdose, die mit einem Film aus Bratfett überzogen ist, unter anderem an den Stadtrand – nach Hernals und Ottakring, wohin der Wind die Landluft trägt, wo Bier gebraut, Schokolade hergestellt und Kaffee geröstet wird.

"Smells Like Wien Spirit" nennt Quinn diesen Stadtrundgang, den er im Rahmen von "Space and Place" organisiert, einer Kulturplattform, die sich mit sozialen und räumlichen Dynamiken in der Stadt beschäftigt und diese etwa mit "Ohrwaschlkonzerten" und "Tischgesprächen" durcheinanderwürfeln will. Worauf sich der Name "Smells Like Wien Spirit" beziehe, verstehe man nur, wenn man älter als 25 Jahre ist, meint Quinn.

Odeur der Zugehörigkeit

Mit seiner Tour will er nicht nur dem guten Wiener Odeur nachspüren, sondern auf die Suche nach jenem Geruch gehen, "der dir das Gefühl gibt, zu Wien zu gehören". Das kann etwa der Mief eines alten Beisls, die Hinterlassenschaft von Fiakerpferden oder das Beißen sein, das aus dem mit Chlor versetzten Badewasser in einem Freibad aufsteigt.

Quinn regt die Teilnehmer dazu an, über ihren Lieblingsduft nachzudenken, sich über kontroversielle Aromen auszutauschen – etwa jene an Tankstellen –, und er spickt den Rundgang mit mehr oder weniger nützlichen, aber immer interessanten Infos über Geruchsforschung und das urbane Leben. Vier bis fünf Stunden zieht Quinn mit den Teilnehmern durch die Stadt. Manch einem dauert das zu lang, und er oder sie setzt sich ab – etwa bei einem schattigen Schanigarten oder am Brunnenmarkt im 16. Bezirk. Einige stoßen später auch wieder dazu; Quinn gibt den aktuellen Standort telefonisch durch.

Nicht auf den Sehsinn beschränken

Die Rundgänge richten sich gleichermaßen an Touristen wie Ortsansässige, gemeinsam suchen sie nach der olfaktorischen "Seele der Stadt", wie Quinn sagt. Es sei schade, dass sich die meisten Stadtführungen auf den Sehsinn beschränken würden und Tasten, Hören und eben Riechen oder das damit verwandte Schmecken zu kurz kommen. Wien würde sich als windige Stadt besonders gut zum Erschnüffeln seines Dufts eignen. Künftig sollen die Touren regelmäßig stattfinden, auch im Winter, wenn es nach "Lebkuchen und Glühwein" duftet, oder im Herbst, wenn das Parfum von buntem Laub in der Luft liegt.

Kompromiss mit Wirtschaftskammer

Quinn ist übrigens kein gewerblich befugter Fremdenführer und musste zweimal Verwaltungsstrafen zahlen, weil er mit seiner "Vienna Ugly Tour" gegen die Gewerbeordnung verstoßen hatte. Inzwischen fand man einen Kompromiss. Er darf die Tour auch weiterhin anbieten, solange er sie als "Event" oder "Exploring" anlegt und dabei keine klassischen Sehenswürdigkeiten bespricht, heißt es aus der Wirtschaftskammer Wien. Bei "Smells Like Wien Spirit" gebe es sowieso keine Kollision mit den berechtigten Wiener Fremdenführern.

Diese sprechen wohl selten darüber, dass die Wiener Luft heute weniger von Hundstrümmerlgestank geprägt ist als früher. (Christa Minkin, 26.7.2016)

  • Wenn man richtig steht, kann man Schokolade und Hopfen gleichzeitig wittern.
    christa minkin

    Wenn man richtig steht, kann man Schokolade und Hopfen gleichzeitig wittern.

  • Eugene Quinn lässt seine Tour-Teilnehmer schnüffeln; wer mag den Duft frisch geschnittenen Grases, und wen erinnert Rindenmulchgeruch an die Kindheit?
    christa minkin

    Eugene Quinn lässt seine Tour-Teilnehmer schnüffeln; wer mag den Duft frisch geschnittenen Grases, und wen erinnert Rindenmulchgeruch an die Kindheit?

  • Ein eigentümliches Mitbringsel: "Original Wiener Prater- oder Puffluft" in der Dose.
    christa minkin

    Ein eigentümliches Mitbringsel: "Original Wiener Prater- oder Puffluft" in der Dose.

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