Neuer Lebensraum für eine Million Bienen im Süden Wiens

Video1. August 2016, 15:46
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Im 23. Gemeindebezirk bietet das Areal eines Solarkraftwerks ein Refugium für Bienen und Wildtiere

Wien – Oft rätseln die Stadtimker Felix Munk und Doris Post über den Geschmack im Honig: Woher kommt die Zitronennote? Und woher kommt die harzige Nuance? Nachdem sie ein Stück prall mit Honig gefüllte Wabe verkostet haben, steht fest: Der Honig aus einem der zehn Bienenstöcke auf dem Areal des größten Bürgersolarkraftwerks von Wien schmeckt stark nach Lindenblüten. Die Wien Energie hat dem Verein Stadtimker Platz in der Rosiwalgasse, ganz im Süden des 23. Wiener Gemeindebezirks, bereitgestellt. Neben rund 4.000 Solarpaneelen, die rund eine Million Kilowattstunden Energie pro Jahr liefern, leben nun rund eine Million Bienen.

"Gerade in der Stadt kann jeder Bienenstock anders schmecken, auch wenn die Stöcke direkt nebeneinander stehen", sagt Munk. Der Honig vom Dach des Bundeskanzleramts schmecke etwa ganz anders als jener vom Dach des Stephansdoms. Brachen, Parks, Friedhöfe oder begrünte Dächer: Das Nahrungsangebot in der Stadt ist reichhaltig. Eine Pollenmixtur anstatt Monokultur macht den Honig aromatischer und kann für Überraschungen sorgen.

Die Situation der Bienen ist jedoch auch in Österreich besorgniserregend. Der Einsatz von Pestiziden, vor allem von Neonicotinoiden, und die Ausbreitung der Varroamilben haben in den vergangenen Jahren die Populationen stark reduziert. Der Verein Stadtimker wurde vor zwölf Jahren mit dem Ziel gegründet, dem entgegenzuwirken.

Artenschutz und Solarpaneele

Einen Partner haben Munk und Post nun in der Wien Energie gefunden. Die Bienen sind nur die neuesten Bewohner des rund zwei Fußballfelder großen Areals des Bürgersolarkraftwerks, das mit finanzieller Unterstützung von 600 Menschen erreichtet wurde und 400 Haushalte mit Strom versorgt. Gudrun Senk, Leiterin des Bereichs Erneuerbare Energie bei Wien Energie, watet durch das fast hüfthohe Gras rund um die Solarpaneele. "Gemäht wird nur in Etappen, damit wertvoller Lebensraum erhalten bleibt", sagt sie. Durch eine Ökologiestudie wurde dokumentiert, dass sich zum Beispiel Eidechsen, Feldhamster und geschützte Heuschreckenarten innerhalb kurzer Zeit angesiedelt haben.

Das spiegelt sich auch in der Qualität des Honigs wider, der an Kunden verschenkt werden soll. Keine Schadstoffe, kein Feinstaub und biozertifiziert: Der Stadthonig vom Solarkraftwerk ist auf Hochgebirgsniveau. Für die Bienen fällt zumindest in Wien das Problem mit den Neonicotinoiden weg. "In Wien wird überhaupt nicht mehr gespritzt. Selbst die Bundesgärten haben diese Praxis nun beendet", sagt Munk. Die Umstellung merke man sofort, berichtet der Imker: "Die Population der Stadtvölker explodiert."

Eine Biene fliegt einen Sammelradius von bis zu drei Kilometern ab. Schon ein mit Pestiziden bespritztes Feld könne große Schäden verursachen. Von einem Ausspielen der Land- und Stadtimker hält Munk aber nichts: "Landimker zu verteufeln ist falsch. Es gibt viele gute Gebiete, wo nicht gespritzt wird."

Ein anderes Problem ist auch in Wien noch nicht beseitigt: die Varroamilbe. "73 Prozent der Bienenpopulation wurden reduziert", sagt Munk.

foto: michael luger
Das Solarkraftwerk in der Rosiwalgasse im 23. Wiener Gemeindebezirk wurde durch Bürger finanziert. Wien Energie konnte bereits 25 Bürgerkraftwerke errichten. Das ist möglich, da mehr als 6000 Menschen rund 27 Millionen Euro investiert haben.

Wichtig sei zudem der Umgang mit den Bienenvölkern, wenn sich Menschen entscheiden privat Bienenstöcke aufzustellen. Im Prinzip steht der Imker dem Hobby positiv gegenüber: "Die Leute legen ihre Scheu vor den Bienen ab und erleben Natur." Doch regelmäßig müssen er und seine Kollegen im Sommer ausrücken und Bienenvölker von Balkonen holen, da die Menschen mit den schnell wachsenden Populationen nicht mehr zurande kommen.

Die Slowakei nennt er hier als mögliches Vorbild: Dort müssen Private Kurse absolvieren und ein Jahr mit erfahrenen Imkern mitarbeiten, bevor sie selbst Bienen halten dürfen.

foto: michael luger
Felix Munk vom Verein Stadtimker bei der Arbeit in der Rosiwalgasse. Bio bedeutet weniger Ertrag, da die Seiten der Bienenstöcke nicht gegen Temperaturschwankungen isoliert werden. Die Bienen sollen ihre Brut und ihre Volksentwicklung anpassen. So bleiben die Randwaben oft leer. Der Verein hat seine Honigerzeugung aber auch nicht auf Ertragsoptimierung ausgelegt, sondern will Reservepopulationen vieler Bienen erhalten.

Wildbienen ohne Lobby

Als nächsten Schritt möchte Munk Wildbienen zur Rosiwalgasse bringen. In Österreich gibt es rund 800 Wildbienenarten, etwa 790 sind gefährdet. Da kein wirtschaftlicher Schaden entsteht, wenn sie verenden, haben sie auch keine Lobby, kritisiert er. Sie sind jedoch ein wichtiger Faktor bei der Bestäubung, da sie auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert sind. Das nutzt auch den Honigbienen und den überraschenden Aromen ihres Honigs, wenn die Wildbienen die Nahrungsvielfalt erhalten. (Julia Schilly, 1.8.2016)

www.stadtimker.at

Bürgerkraftwerke

Insgesamt betreibt Wien Energie 25 Bürgerkraftwerke, 6.000 Menschen haben bereits investiert, im Schnitt 4.000 Euro. Bis zum Jahr 2030 will Wien Energie den Anteil der Nutzung erneuerbarer Energien auf rund 40 Prozent verdoppeln. Derzeit versorgt das Unternehmen 800.000 Personen mit "grünem" Strom, im Jahr 2030 sollen es 1,5 Millionen Menschen sein.

Weitere Informationen: www.buergerkraftwerke.at

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