Prozess um brutale Raubserie in Wiener Neustadt im Finale

25. Juli 2016, 15:03
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Neun Rumänen sollen Hausbesitzer überfallen haben

Wiener Neustadt – Am Landesgericht Wiener Neustadt ist am Montag der vor einer Woche begonnene Prozess um eine brutale Raubserie in Wien, Nieder- und Oberösterreich fortgesetzt worden. Über die neun Angeklagten, Mitglieder der laut Eigenbenennung rumänischen "Frosch-Bande", die bei "Home Invasions" Hausbesitzer und -besitzerinnen überfallen und misshandelt haben sollen, sollte heute noch ein Urteil gefällt werden.

Zu Verhandlungsbeginn hatten sich die zum Teil miteinander verwandten Männer aus derselben Region Rumäniens im Alter zwischen 22 und 53 Jahren teilweise geständig gezeigt, die Taten allerdings abgeschwächt beziehungsweise sich gegenseitig belastet und widersprüchlich angegeben, wer wo beteiligt gewesen war. Ein Einziger räumte ein, ein Opfer geschlagen zu haben. Aus finanzieller Notlage hätten sie sich auf ihre Raubzüge durch Europa begeben. Entlegene Objekte wurden ausspioniert und in wechselnder Besetzung überfallen. In Österreich begannen die Überfälle, bei denen meist nur ganz geringe Beute gemacht wurde, aber zwei Menschen schwer verletzt wurden, im Juni. Am 5. September wurde ein Ehepaar in Bayern beraubt, der Mann überlebte die Tortur nicht – diese Tat ist allerdings nicht Verhandlungsgegenstand in Wiener Neustadt. Bereits am folgenden Tag wurde eine ältere Frau in Gänserndorf überfallen, kurz darauf wurden sieben Mitglieder des Familienclans in Wien festgenommen, in der Folge zwei weitere.

Die Ausforschung war ein längerer Prozess, sagte ein Ermittler am Montag. Nach dem ersten Vorfall in Strasshof habe man noch keine Ansätze gehabt, dann folgte ein ähnlich verübter Raub in Alland. Die Kriminalisten hatten zunächst keine Namen, keine Pkw-Kennzeichen, sagte der Chefinspektor. Erst im Zuge von Auswertungen diverser Telefonate nach der Tat in Puchberg verdichteten sich die Erkenntnisse und Vermutungen zum Täterbild. Der Beamte des Landeskriminalamts war dann auch bei den Vernehmungen der Verdächtigen dabei, in denen sie ihre Handlungen abgeschwächt hätten. Eine Dolmetscherin mit Muttersprache Rumänisch wies im Zeugenstand die Aussage eines der Angeklagten zurück, seine Angaben wären nicht richtig übersetzt worden.

Opfer dachte: "Lieber Gott, hilf mir"

"Es war ein schrecklicher Augenblick", schilderte eine 72-Jährige ihre Erkenntnis, Opfer eines Überfalls zu sein, als sie niedergeschlagen zu Boden ging. Sie war Ende August 2015 abends bei einbrechender Dunkelheit von einer Radtour zu ihrem Haus in Strengberg (Bezirk Amstetten) zurückgekehrt, als plötzlich ein Mann hinter der Hausecke hervorsprang.

Zuerst dachte sie noch an einen Scherz eines Bekannten, aber es war blutiger Ernst: Der damals Unbekannte habe sie sofort gewürgt und mit der Faust auf die Stirn geschlagen, schilderte die Pensionistin, die kein Problem damit hatte, vor den Angeklagten auszusagen. Vielmehr erkannte sie den Erstangeklagten, der wie der Chef gewirkt habe, "tausendprozentig" wieder, ebenso eindeutig einen zweiten. An die beiden weiteren Täter habe sie nebulosere Erinnerungen.

Als sie – fixiert – auf dem Boden lag, bemerkte die Frau, "dass noch drei andere da waren". Sie traktierten sie, traten und schlugen sie in den Bauch, gegen die Rippen. "Lieber Gott, hilf mir, hab' ich gedacht", erzählte die Zeugin. Als sie um Hilfe schrie, wurde sie an den Haaren hochgezogen und ins Haus geschleift. In der Küche und in der Stube, wo sie auf einen Diwan gestoßen worden war, hätten die Männer alles durchsucht und komplett verwüstet. Alte Bürounterlagen, Urkunden, Papiere, auch Bücher wurden aus den Regalen gerissen und durchgeblättert – offenbar in der Hoffnung, Geldscheine könnten darin stecken. Sie beteuerte, kein Geld zu haben – lediglich 50 Euro waren im Haus, die die Täter ebenso an sich nahmen wie zwei Handys und ihre vom Hals gerissene Kette mit einem Kreuz- und einem Marien-Anhänger. Auch den Kühlschrank räumten die Täter aus.

Die Tortur dauerte etwa zwei Stunden. Der Überfallenen wurde ein Butterfly-Messer angesetzt, ein erster Fluchtversuch scheiterte, worauf sie erneut niedergeschlagen wurde. Schließlich gelang es ihr doch, davonzurennen – eine Woche zuvor habe sie an einem Marathon teilgenommen, beschrieb die Frau ihre gute Kondition. Sie rannte bis ans Ende ihres Grundstücks und suchte – blutüberströmt und mit Würgemalen am Hals – Hilfe bei einem Anrainer, der Polizei und Rettung verständigte.

Die Zeugin hatte unter anderem zwei Kieferbrüche und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, verletzte Rippen, Quetschungen, Blutergüsse. Wenn sie nicht so fit und sportlich gewesen wäre, wäre sie gestorben, habe ein behandelnder Arzt konstatiert. Ihre Lebensqualität habe sich massiv verschlechtert, gab die Frau an, nicht mehr unbeschwert ihren Garten zu genießen, das Haus seitdem doppelt zu verriegeln – und abends immer eine Taschenlampe und ein Messer bei sich zu haben. Sie habe den Tätern verziehen, aber vergessen könne sie die brutale Tat nicht.

"Was wollt ihr, ich hab' ja nichts", hatte eine weitere Überfallene zu den Tätern gesagt. Die 70-Jährige war in ihrem Haus in Puchberg am Schneeberg in der Nacht im Bett überrascht worden. Sie kassierte "sofort" einen Schlag, dann einen zweiten, worauf sie sich bewusstlos stellte. Die Zeugin bekam mit, wie ein Mann die Kästen durchsuchte, mit einer Taschenlampe ins Nachtkasterl leuchtete und es ausräumte. Die Beute: ganz wenig Bargeld und zwei Eheringe. Als sie einen Anfall vortäuschte, ließ ihr Bewacher locker, schilderte sie. Ob ein Messer im Spiel war, wusste sie nicht: "Ich konnte mich ja nicht rühren." Eingestiegen waren die beiden Täter durch ein Fenster.

Axt an den Hals gehalten

Gleich fünf fremden Männern hat sich eine 87-Jährige am 6. September 2015 im Haus ihrer Tochter in Gänserndorf gegenüber gesehen. Einer habe ihr eine Hacke am Hals angesetzt und "Wo Geld, wo Safe?" gefragt, schilderte sie die bangen Momente. Dann stellte er sich hinter sie und würgte sie. "Ich habe keine Luft mehr bekommen", erzählte die Zeugin.

Einen Schlag habe sie kassiert, seitdem höre sie viel schlechter, meinte die Wienerin am Montag im Prozess gegen die neun des Raubes im Rahmen einer kriminellen Vereinigung Angeklagten in Wiener Neustadt. Ein Täter habe sie festgehalten und auf sie "aufgepasst", während die anderen alles durchwühlten und sie abschließend auch in den Keller geführt und eingesperrt hätten, sagte die alte Dame in Abwesenheit der Beschuldigten. Nach der Festnahme der Verdächtigen hatte sie bei der polizeilichen Befragung drei der Männer, davon Brüder, eindeutig wiedererkannt. Heute tat sie sich bei der Identifizierung via gezeigte Fotos ein wenig schwerer: "Sie schauen sich alle so ähnlich."

Einer der von der Zeugin als Angreifer Identifizierten bestritt vehement, die 87-Jährige gewürgt zu haben. Ein anderer Angeklagter wollte der Pensionistin lediglich in der Küche ein Glas Wasser gegeben und sie dann auf Zuruf in den Keller geführt haben.

Weitere Aussagen von Überfallenen wurden in der Folge verlesen. Die Richterin hielt fest, dass die Beschuldigten in Österreich allesamt unbescholten seien, jedoch – mit Ausnahme des Sechstangeklagten – bis zu neun Vorstrafen unter anderem in ihrer Heimat Rumänien, Italien, Frankreich und Deutschland aufweisen.

Leugnen und gegenseitige Schuldzuweisung

Der Staatsanwalt fühlte sich, wie er in seinem Schlussvortrag betonte, von den Beschuldigten "angelogen". Von zu Prozessbeginn angekündigter reumütiger, geständiger Verantwortung sei "nichts übrig geblieben", verwies er auf gegenseitige Schuldzuweisungen und Leugnen der Gewaltaktionen. Zugegeben wurden demnach lediglich diverse Diebstähle. Dann habe ein "erfolgreicher" Raub, bei dem 20.000 Euro erbeutet wurden, die kriminelle Vereinigung "angelockt", derartige Coups fortzusetzen, sprach der Ankläger von einer Tour durch Europa, die eine Spur der Verwüstung nach sich zog und nun entsprechend zu bestrafen sei. Im Verfahren hätten sich klar zwei Anführer der Gruppe herauskristallisiert. Für die Opfer war das Vorgehen der Täter qualvoll, forderte der Staatsanwalt "empfindliche" Haftstrafen.

Die Verteidiger der Erstangeklagten führten deren doch vorhandene Geständnisse und Beiträge zur Wahrheitsfindung ins Treffen. Bei dem "nur" als Fahrer und einem lediglich ein bis zwei Mal Beteiligten sei bei der Strafbemessung deren untergeordnete Rolle in der Hierarchie der "Frosch-Bande" zu gewichten.

"Ich bereue, und es tut mir leid", entschuldigte sich ein Beschuldigter bei den Opfern. Er habe sieben minderjährige Kinder und aus finanzieller Not mitgemacht. Er habe nicht gewusst, was passiert, meinte ein anderer. Gegen 14.00 Uhr zogen sich die Schöffen zur Urteilsberatung zurück. (APA, 25.7.2016)

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